Artikel empfohlen

Leiser bitte? Stadtlärm gibt Charakter: hören wir genau hin!

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Oktober 2020
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 4 Minuten

In Städten ist Lärm allgegenwärtig. Wir leben mit ihm, in unserem Zuhause und im Freien. Er definiert das moderne urbane Leben, egal wo auf der Welt. Er kommt von der Straße und aus der Luft. Er kommt von Menschen und Tieren in den Straßen und Häusern, von Fahrzeugen und Maschinen draußen und drinnen.

Im Vergleich zu anderen Umweltaspekten wie der Luftverschmutzung oder dem Passivrauchen gibt es relativ wenige Studien über die Auswirkungen von Lärm. Forscher untersuchten in der Vergangenheit vor allem die Folgen von Lärm am Arbeitsplatz, später auch die Auswirkungen von Freizeitlärm, etwa von Musik und Konzerten. Doch erst mit zunehmender Lärmbelastung in den Städten beschäftigen sich Wissenschaftler immer mehr mit den Folgen von Stadtlärm auf unser Gehör.

Stadtlärm und seine Auswirkungen auf Gehör und Gesundheit

In einer Studie aus dem Jahr 2012 befragten Forscher der Universität Michigan 4.585 New Yorker, wie oft sie wie viel Zeit in lauter Umgebung oder bei lauten Aktivitäten verbringen. Dazu zählten der Arbeitsplatz, der Weg zur Arbeit mit der U-Bahn, aber auch Freizeitaktivitäten wie Sportveranstaltungen und Konzerte sowie Musikhören und Arbeiten mit Elektrowerkzeugen. Die Wissenschaftler berechneten dann die durchschnittliche tägliche Lärmbelastung und kamen zu dem Ergebnis, dass 91% der U-Bahn-Pendler und 87% der anderen Befragten die vom Umweltministerium empfohlenen Lärmgrenzwerte überschritten. Das wiederum bedeutet ein höheres Risiko für lärmbedingten Hörverlust.

Es scheint allerdings, dass sich Stadtlärm nicht nur auf unser Gehör, sondern auch auf unseren allgemeinen Gesundheitszustand negativ auswirkt. Bruitparif, eine gemeinnützige Organisation, die die Umweltlärmpegel im Großraum Paris überwacht, veröffentlichte 2019 einen Bericht, der die medizinischen Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und die eigenen Aufzeichnungen zur Lärmbelastung im Großraum Paris kombinierte. Das Ergebnis: ein durchschnittlicher Bewohner eines der lautesten Teile der Île-de-France, zu der auch der Großraum Paris gehört, verliert „mehr als drei gesunde Lebensjahre“ aufgrund von medizinischen Problemen, die durch Verkehrslärm in Städten hervorgerufen werden. Dazu zählen Tinnitus, Schlafstörungen, ischämische Herzerkrankungen, Übergewicht, Diabetes, Probleme während der Schwangerschaft und Geburt sowie kognitive Beeinträchtigungen bei Kindern.

Lärm

Wann wird Lärm unangenehm?

Die lauten Geräusche der Industriestädte verfolgen uns nach wie vor. Dabei passen Lärm und Kopfarbeit so wenig zusammen wie Katz und Maus. Die Lösung heißt: Mehr Bewusstsein für Ruhe. Vor allem in Städten.

Mehr erfahren

Lärm ist nicht gleich Lärm

Eines steht unzweifelhaft fest: den permanenten Lärm von Verkehr, Hupen und Sirenen in Großstädten mag fast niemand. Diese Art von Lärm wird uns aufgezwungen. Er ist direkt vor unserer Haustür und wir können ihn nicht verhindern, selbst wenn wir wollen - im Gegensatz zu lauter Musik aus Kopfhörern oder bei Konzerten.

Während einige Studien die möglichen Schäden durch unerwünschten Lärm betonen, untersuchen andere die positiven Seiten. Projekte wie Positive Soundscapes („Positive Klangwelten“) einer britischen Forschungsgemeinschaft stellen den allgemeinen Konsens, dass Umweltlärm immer laut und schlecht ist, in Frage. Ihre Befragungen ergaben, dass bestimmte Geräusche, zum Beispiel Autoreifen auf nassem Asphalt, das weit entfernte Gedröhne einer Autobahnbrücke, das Rattern eines Zugs oder das Wummern des Basses vor einer Disco, von vielen Testpersonen als positiv eingestuft wurden.

Entscheidend dafür, ob ein Geräusch als angenehm oder unangenehm empfunden wurde, war die Tonhöhe. Die Befragten fanden das hochfrequente Surren einer Gelse unangenehm, während sie den Bass, der von der Disco nach außen dringt, zwar laut, aber dennoch beruhigend fanden.

Vielleicht ist das ein Ansatz, um die positiven Geräusche und Töne in unseren Städten zu verstärken, statt den Lärmpegel insgesamt zu reduzieren.

Baustelle
© Getty Images

Runter mit den Störgeräuschen

Für Lärmstudien bot die Corona-Pandemie optimale Voraussetzungen. Der Lockdown in den meisten Großstädten brachte den Verkehr ebenso wie das öffentliche Leben fast zum Erliegen, was wiederum den Lärmpegel in unseren Städten deutlich reduzierte.

Doch ist diese Entwicklung positiv? Die Cities and Memory Website konnte jedenfalls seit dem Lockdown akustische Veränderungen belegen. Während der Pandemie wurde eine neue globale Klangkarte online gestellt, für die Städte auf der ganzen Welt ihre Klangbeiträge liefern können. Eine erste Erkenntnis: Viele Städte haben ihre eigene, individuelle „Klangwelt“ und mit der Pandemie drangen natürliche Geräusche, zum Beispiel Vogelgezwitscher, wieder stärker durch.

Interessantes Detail am Rande: in New York gingen die Beschwerden über Lärmbelästigungen trotz der Pandemie nicht zurück. Wenn wir allein zuhause sind, empfinden wir den Fernseher oder Rasenmäher des Nachbarn unter Umständen als noch lästiger. Einer der positiven Aspekte von Verkehrslärm ist nämlich der, dass er andere Störgeräusche überlagert. Die Wissenschaftler fragen sich nun, ob sich die Menschen jene Geräusche zurückwünschen, die früher so typisch für ihre Stadt waren. Arline Bronzaft, eine Umweltpsychologin und Spezialistin für Lärmverschmutzung in Städten, erklärte in einem Interview mit der New York Times, dass „die Bevölkerung das ständige Gehupe und den Wirbel der Menschenmengen“ vermisse.

Lärm: eine komplizierte Beziehung

Unsere Beziehung zu Lärm in unseren Städten ist kompliziert. Auch wenn ein bestimmter Lautstärkepegel gesundheitsschädigend ist, mögen wir viele Geräusche in der Stadt. Die Corona-Pandemie ließ uns die Stadt viel leiser erleben, die Natur war besser zu hören, allerdings wurden auch unnatürliche Geräusche verstärkt. Während Lärmverschmutzung allmählich die Tagesordnung der Politik erobert, ist es Aufgabe der Gesetzgeber, unser Gehör zu schützen und gleichzeitig den Klangwelten unserer Städte Raum für ihre eigene Melodie zu bieten.

Schließen

Mehr aus der Sammlung Sound

Artikel

Videos

Verwandte Sammlungen

Mehr aus der Sammlung

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.