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Lernen für das Leben Wie können wir unseren Kindern helfen, gut in die neue freie Welt zu starten?

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 01.11.2018
In der Sammlung Das Leben
Lesedauer: 4 Minuten

„Für das Leben lernen wir – nicht für die Schule“, heißt es. Und das Leben ist im Grunde unplanbar, bunt und flexibel. Eine Herausforderung. Wir arbeiten in aller Welt, bestellen unsere Schuhe in Übersee, sind heute Bäcker, nächstes Jahr in Elternzeit und in zehn Jahren selbstständiger IT-Experte. Diese Entwicklung bedeutet für uns jede Menge Freiheit – und Verantwortung. Wie können wir unseren Kindern helfen, gut in die neue freie Welt da draußen zu starten?

Lernen mit Freiheit umzugehen

In den ersten Wochen und Monaten unseres Lebens ist es mit der Freiheit nicht weit her: Das Baby ist abhängig von Menschen, die ihm Nahrung geben und es wickeln, die es warmhalten und herumtragen, in den Schlaf wiegen und trösten, wenn es weint. Lange vor der Freiheit kommen Bindung und Nähe als wichtige Stützen.

Und doch gehört es auch zu den Grundbedürfnissen von Kindern, ihre Umgebung zu erkunden, sie sich selbst anzueignen. „Schon Säuglinge schauen neugierig in die Welt, wenn sie ausgeschlafen, satt und trocken sind“, sagt der Psychologe Klaus Fröhlich-Gildhoff, Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Bezogenheit auf andere Menschen – und das Streben nach Autonomie: „Dieses Spannungsverhältnis zieht sich durch das Leben der Menschen, zumindest in der westlichen Welt.“

Freiheit ist Verantwortung für mich selbst

In dieser Spannung lernen Kinder, mit ihrer Freiheit umzugehen. Am besten mit Eltern, die ihnen helfen – und sie machen lassen. Zum Beispiel, wenn der Zweijährige auf dem Spielplatz sich entscheidet, jetzt die Leiter zur kleinen Rutsche hochzuklettern. Zum ersten Mal. Und alleine, natürlich! Keine ganz leichte Übung, vor allem nicht für die mitzitternden Eltern.

Aber Vertrauen stärkt Kinder. Sie brauchen die Freiheit, sich selbst ausprobieren zu können. Umgeben Eltern jeden Schritt auf der Leitersprosse mit Warnungen und Tipps zur richtigen Fußstellung, kann das Kind kaum eigene Erfahrungen machen. Außer vielleicht der, nichts alleine hinzubekommen.

Kinder lächeln in die Kamera
© SHUTTERSTOCK

Kinder brauchen Freiheit und auch Geheimnisse.

Klaus Fröhlich-Gildhoff, Psychologe

„Kinder brauchen Freiheit und auch Geheimnisse“, sagt Fröhlich-Gildhoff. Er berichtet von einer Studie, bei der Kinder gefragt wurden, was es für einen guten Kindergarten braucht. „Ein Gebüsch, in dem uns keiner sieht“, sei eine Antwort gewesen. „Das ist doch ein schönes Symbol“, findet der Forscher. Kindheit sei heute stark verplant, Kinder lebten oft in einem Korsett aus Terminen; bis zu 40 Prozent aller Grundschüler in Deutschland würden mit dem Auto zur Schule gefahren. „Ungeplante Freiräume sind aber wichtig für Kinder“, sagt Fröhlich-Gildhoff.

Das ist kein Plädoyer für eine Alles-egal-Haltung von Eltern. Sie schauen, mit wie viel Freiheit die Kinder in welchem Alter schon umgehen können. Wie hoch die Leiter an der Rutsche sein darf, damit nichts wirklich Schlimmes passiert, wenn der Zweijährige doch herunterfällt. Und sie trocknen die Tränen, wenn er sich einen blauen Fleck holt. Es brauche begleitende Erwachsene, die trösten, wenn etwas nicht klappt, und ermutigen, es weiter zu versuchen, sagt Fröhlich-Gildhoff: „Je mehr ich als Kind die Erfahrung mache, dass ich mich auf andere verlassen kann, desto mehr traue ich mich auch, mir Freiräume zu nehmen.“

Erziehung zur Freiheit und Selbstdisziplin

Die italienische Reformpädagogin Maria Montessori hat vor rund 100 Jahren ein berühmtes Motto für dieses Begleiten aus Sicht der Kinder formuliert: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Eltern, Erzieher und Lehrer haben demnach die Aufgabe, die Neugier der Kinder zu erhalten und zu fördern, sagt Ela Eckert, Pädagogin und Vorstandsmitglied der Deutschen Montessori-Gesellschaft.

Das Konzept sieht sorgfältig ausgewählte Beschäftigungsangebote in einer für die Kinder überschaubaren „vorbereiteten Umgebung“ vor. „Aus diesen können sie nach Darbietung durch eine Erzieherin oder einen Erzieher eine Tätigkeit frei auswählen und sich damit in ihrem Tempo so lange beschäftigen, wie sie wollen“, sagt Eckert.

Nach Montessoris Beobachtungen wählt ein Kind von sich aus die Beschäftigungen, die seinem Entwicklungsbedürfnis entsprechen. So lernt es im Spiel selbstbestimmt und nachhaltig und übernimmt früh auch Verantwortung für sich selbst, sagt Eckert. Die Montessori-Pädagogik sei zugleich eine Erziehung zur Freiheit und zur Selbstdisziplin.

Lernende Schüler am PC
© SHUTTERSTOCK

„Kinder können sich aus einem Angebot eine Tätigkeit frei auswählen und sich damit in ihrem Tempo so lange beschäftigen, wie sie wollen.”

Ela Eckert, Montessori-Pädagogin

Bewusst entscheiden

Der selbstbewusste Umgang mit Freiheit sei heute wichtiger denn je, sagt der Psychologe Klaus Fröhlich-Gildhoff: „Jugendliche haben eine riesige Vielfalt von Optionen in fast jedem Bereich.“ Die andauernde Anforderung, sich zu entscheiden, könne aber zum Druck und damit zur Scheinfreiheit werden. Damit junge Menschen frei mit der Freiheit umgehen, brauchen sie auch die Fähigkeit zum Grenzmanagement: Sie können sich für eine Möglichkeit entscheiden und aushalten, dass die anderen dann nicht mehr zur Verfügung stehen – ohne das Gefühl, etwas zu verpassen. Dabei hilft ihnen das Selbstwertgefühl, das Kinder lernen können, wenn Eltern und andere Menschen in ihrer Nähe Ihnen Sicherheit geben – und die Chancen auf eigene Erfahrungen. Ein Gefühl, das sie brauchen, um sich schließlich selbst auf die Freiheit einzulassen.

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