Interview

„Man sollte sich nicht davon abbringen lassen, weitere Fremdsprachen zu lernen“ CI Mama Valerie Pestinger im Gespräch

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: August 2020
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Valerie Pestinger‘s Mann, Abishek Somani, kommt aus Indien. Seine Muttersprache ist Hindi, ebenso spricht er – wie in Indien üblich – die Verkehrssprache Englisch. Auch Valerie spricht Englisch – und das sehr gut. Sandra Goetz spricht mit der jungen Mutter über Mehrsprachigkeit und Fremdsprachenerwerb – trotz Cochlea-Implantat.

Gehörlos zweisprachig

War man in den 1970er Jahren noch skeptisch hinsichtlich der frühen Mehrsprachigkeit, hat sich das Blatt total gewendet. So spricht der Deutsche Gehörlosen-Bund heute vom „Recht des gehörlosen Kindes, zweisprachig aufzuwachsen“. Im Blick hat man hierbei die Gebärdensprache und die Lautsprache. Aus dem Blick fällt jedoch der Erwerb einer oder mehrerer Lautsprachen von Menschen mit Hörverlust. Hierzu gibt Valerie Auskunft, vollkommen subjektiv, vollkommen echt und vollkommend ermutigend.

Du bist auf eine Regelschule gegangen, mit hörenden Kindern. Gab es jemals eine Situation, wo du dir eine andere Schule gewünscht hättest?

Nein, die gab es nicht. Ich war zufrieden. Es gab allerdings auf dem Gymnasium ein- oder zweimal die Situation, wo die Schwerhörigkeit der Lästerei zum Opfer fiel.

Was war da los? Und wie ging es dir dabei?

Mein Fehler war, dass ich meine Schwerhörigkeit gegenüber Mitschülern nicht offen angesprochen habe – es war damals einfach „uncool“ und ich fand mein Hörgerät auch nicht sonderlich toll. Heute würde ich jedem zu einem offenen Umgang raten, dann gerät man nicht erst in so eine Situation.

Wie sind die Lehrkräfte mit deinem Hörverlust umgegangen?

Verständnisvoll. Außer einen Platz in den vorderen Reihen brauchte ich aber keine Sonderbehandlung.

Du hast auf dem Gymnasium, das nicht inklusiv war, alles gelernt, was junge Menschen auf dem Weg zum Abitur so lernen, dazu gehören auch Fremdsprachen. Welche Fremdsprachen hast du gewählt?

Ich hatte Englisch und Latein.

Gab es für dich einen spürbaren Unterschied im Erlernen der Fremdsprache im Gegensatz zu deinen Schulfreundinnen?

Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich war nicht sonderlich gut in den Fremdsprachen, habe das aber nicht auf meine Schwerhörigkeit zurückgeführt. Vielleicht habe ich etwas langsamer gelernt. Was mir später mit meinem Mann aufgefallen ist, ist, dass ich manche Wörter falsch ausspreche – das könnte damit zusammenhängen, dass ich sie nicht richtig gehört habe.

Hat es dir überhaupt Spaß gemacht, Fremdsprachen zu lernen – und diese zu sprechen?

Ich fand Fremdsprachen in der Schule schrecklich. Das hat sich mit meinen Auslandsaufenthalten geändert. Ich habe knapp zehn Jahre, von 2010 bis 2019, in Nottingham und Birmingham in England gelebt. Davor war ich zwei Jahre lang in Lincoln, Nebraska, USA.

Was bedeutet es für dich, mehrsprachig zu sein? Und kennst du weitere von Hörverlust Betroffene, die mehrere Sprachen sprechen?

Für mich ist es definitiv schwieriger und mit größerer Anstrengung verbunden Fremdsprachen, hier Englisch, zu hören und verstehen. Ich bin mehr auf das Mundbild angewiesen. Auch nach so vielen Jahren. Dennoch sollte man sich nicht davon abbringen lassen eine Fremdsprache zu lernen. Interessanter Weise habe ich mich bislang noch mit keinem anderen CI-Träger in einer anderen Sprache unterhalten. Ebenso dachte ich, dass ich keine weiteren kenne, die ebenso mehrsprachig sind, wie ich. Nach längerer Überlegung sind mir aber doch ein paar eingefallen, die Englisch sprechen. Darunter auch der Vorstand des CI-Verbands Hessen-Rhein-Main.

Sprachen lernen mit CI
Das Sprachenlernen funktioniert nicht nur bei gesunden Menschen, sondern auch bei jenen, die ein Cochlea-Implantat tragen.
© MED-EL

Wie ist es für dich vom Deutschen ins Englische und umgekehrt zu wechseln?

Das klappt eigentlich gut. Es kann nur vorkommen, dass wenn ich in einem deutschen Café in eine englische Konversation vertieft bin, ich plötzlich auf Englisch bestelle oder umgekehrt

Ein Klassiker! Gibt es einen Unterschied im Umgang mit von Hörverlust Betroffenen in England im Gegensatz zu Deutschland? Im Alltag, im Wissenschaftsbetrieb?

In England kann man wesentlich mehr via Internet abwickeln, z.B. Arzttermine buchen, Ämter kontaktieren etc. Das bedeutet für Menschen mit Hörverlust nicht zum Telefon greifen zu müssen. Leider ist die Aufklärung und Selbsthilfe in England nicht sonderlich gut und in Deutschland wesentlich besser.

Seit 2019 leben du und dein Mann wieder in Deutschland, euer Kind ist auf die Welt gekommen. Wie wird dieses sprachlich erzogen?

Natürlich mehrsprachig: Englisch, Deutsch und Hindi! Auch mein Mann ist jetzt dran: Er lernt Deutsch! Nun muss er … (lacht)

Gibt es hier spezielle Herausforderungen für dich als CI Mama, wenn ja, welche?

Bezüglich der Mehrsprachigkeit nicht. Höchstens, dass unsere Tochter die falsche Aussprache übernimmt. Ich versuche mit meiner Kleinen immer mal ein paar Wörter Hindi von meinem Mann zu lernen, das ist eine sehr schwere Sprache im Bezug aufs Hören. Es hört sich alles so breiig für mich an.

Andere Herausforderungen betreffen den Alltag. Es macht keinen Sinn ein wichtiges Telefonat zu führen, wenn die Kleine im Hintergrund schreit. Da verstehe ich am Telefon nichts. Außerdem, wenn ich meine „Ohren“ nicht anhabe, z.B. beim Duschen, ist mein Kind immer in meinem Blickfeld. Ich würde nicht hören, wenn etwas passiert etc.

Könntest du dir vorstellen, dass eure Tochter in einen integrativen Kindergarten geht, auf eine inklusive Schule?

Auf alle Fälle! Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich mir für unsere Tochter auch ohne Hörbeeinträchtigung so einen Kindergarten aussuchen. In erster Linie, damit sie für dieses Thema sensibilisiert wird und außerhalb von Mama damit umzugehen lernt. Auch denke ich, dass man von “Behinderten” jede Menge lernen kann.

Welche Tipps hättest du, wenn ein von Hörverlust betroffener Mensch eine neue Sprache lernen möchte, Sprechen inklusive?

Ich empfehle Sprachprogramme mit Audio, dabei aber auch immer den Schriftzug zum Mitlesen. Kopfhörer oder direkte Anbindung auf CI/Hörgeräte machen das Ganze gerade am Anfang einfacher. Filme mit Untertiteln anschauen, sich einen ordentlichen Gesprächspartner suchen, dem man von seiner Schwerhörigkeit erzählt und mit dem man in Ruhe reden kann.

Endlich Wieder Hören

Valerie, die Hörbotschafterin

Valerie weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer die Entscheidung für ein CI sein kann. Den Austausch mit anderen findet sie sehr wichtig und möchte deshalb als Botschafterin ihre Erfahrungen teilen und Ängste nehmen.

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