Interview

Manchmal macht Klassik aggressiv

Verena Ahne sprach mit dem Psychiater und Musiktherapeuten Thomas Stegemann über die Macht der guten Klänge.

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 04.01.2018

Verena Ahne sprach mit dem Psychiater und Musiktherapeuten Thomas Stegemann über die Macht der guten Klänge.

Verena Ahne von Verena Ahne
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 1 Minute

Was macht Musiktherapie so besonders?

Musik spricht viele Bereiche im Gehirn gleichzeitig an, aktiviert einerseits das Belohnungssystem, andererseits reduziert sie Angst. Deshalb ist sie so vielseitig einsetzbar.

Wie wird damit therapeutisch gearbeitet?

Bei der rezeptiven Musiktherapie wird Musik gehört. Das kann genauso wirksam sein wie ein Medikament. Angewendet wird sie oft auf Intensiv- oder Frühgeborenen-Stationen oder zur Vorbereitung einer Operation.

Die aktive Musiktherapie ist eher psychotherapeutisch orientiert. Durch das selbst Musizieren sollen die Leute einen neuen Zugang zu sich und ihrem Leiden finden. Die therapeutische Aufgabe dabei ist es, dem, was musikalisch passiert, Sinn und Bedeutung zu geben und das Thema gemeinsam weiter zu entwickeln. So könnte eine Schmerzpatientin aufgefordert werden, einen Klang zu finden, der zu ihrem Kopfschmerz passt. Danach soll sie den Klang modulieren. So erfährt die Frau, dass sie selbst Einfluss auf ihren Zustand nehmen und ihn verändern kann. Sie kann dann ihre eigene „Heilmusik” spielen.

Es gibt die unterschiedlichsten Therapiearten. Was wirkt am besten?

Wir wissen heute, dass die Musik am besten wirkt, die sich das Individuum selbst aussuchen kann. Insgesamt wird heute viel mehr aus dem Blickwinkel der Patientinnen und Patienten gearbeitet: Was braucht diese Person in diesem Moment, welche Symptome lassen sich womit gut beeinflussen?

Man hat zum Beispiel jahrelang nach der idealen Musik zur Vorbereitung auf eine Operation gesucht. Irgendwann ist das alles im Mistkübel gelandet. Der Zugang war falsch! Musik wirkt auf jeden Menschen und in jeder Situation anders, also „passt” immer etwas anderes. Heute sollen die Leute ihre eigene Musik mitbringen.

Auch laute, flotte Musik?

Natürlich wirkt leise, gleichförmige Musik eher entspannend, schnellere, lautere, sich steigernde Musik eher aktivierend – das ist sogar bei Tieren messbar. Aber diese basale Wirkung kann von Erfahrungen, Vorlieben und Abneigungen, auch durch die soziale Bewertung eines Musikstils, überschrieben werden. Die Behauptung, klassische Musik beruhigt, stimmt nicht! Es gibt auch Menschen, die aggressiv werden, wenn sie Klassik hören müssen.

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