Interview empfohlen

Mein Leben, meine Entscheidungen Stephan Schleim, Professor für Psychologie, spricht über persönliche Freiheit

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Januar 2021
In der Sammlung Arbeit
Lesedauer: 5 Minuten

In aller Regel können wir selbst entscheiden, wann wir unser Haus verlassen, wann wir essen, wann wir schlafen gehen. Wir sind frei, zu tun und zu lassen, was wir möchten. Aber: Ist das wirklich so? Bettina Benesch sprach mit dem deutschen Philosophen und Psychologen Stephan Schleim übers Einkaufen, über Verpflichtungen, Anerkennung und die Freiheit, so zu sein, wie man sein möchte.

Herr Schleim, Sie beschäftigen sich immer wieder mit dem Thema Freiheit. Wann ist denn ein Mensch wirklich frei? Oder: Ist der Mensch wirklich frei?

Laut Sartre waren wir noch zur Freiheit verdammt; einige Jahrzehnte später bestritt man, dass man überhaupt frei sein könne. Das hängt auch damit zusammen, was wir unter Freiheit verstehen. Wenn wir als Freiheit hier jene Freiheit sehen, so zu sein, wie man selbst sein will oder ist, dann könnte man sagen: Wenn von außen kommende Ablenkungen einen nicht mehr aus der Bahn werfen; und wenn man sich dann auch noch selbst so gut kennengelernt hat, dass man weiß, was man will, dann ist man frei.

Wie frei sind wir denn in der Regel von der Erwartung, der Meinung oder Anerkennung anderer?

So frei, wie wir uns davon machen. Natürlich gibt es einen großen Anpassungsdruck, aber auch die Möglichkeit der inneren Distanzierung. Selbst in einem totalitaristischen Staat lässt sich nicht ohne Weiteres feststellen, was jemand denkt. Die Unfreiheit beginnt aber schon lange vor der Ablehnung durch andere, nämlich durch die internalisierte Stimme im Kopf, die sagt: Das gehört sich nicht, was sollen andere denn davon denken?

Nehmen wir Nachteile in Kauf, zum Beispiel für die Karriere, missbilligende Blicke, Ausgrenzung oder stehen wir zu unserer Authentizität? Das ist eine sehr persönliche Entscheidung – vielleicht die persönlichste im Leben überhaupt.

Aber frei sein verstehen heute doch viele als: kaufen was man will, Reisen unternehmen, die man will – schlicht: konsumieren. Es ist aber eine Scheinfreiheit, aus den Produkten, die man vorgesetzt bekommt, ein paar auszuwählen, die erst durch die Werbung erzeugtes Verlangen am meisten befriedigen.

Welche Alternativen gibt es dazu?

Die Frage ist, was man im Leben braucht. Es gibt z.B. mymuesli.com, da kann man sich online 560 Billiarden – das ist eine Zahl mit 15 Nullen – verschiedene Kombinationen von Müsli bestellen. Es gibt Menschen, die finden das gut und fühlen sich frei bei einer so großen Auswahl. Andere sagen: Ein „normales“ Müsli reicht für mich.

Aber es gibt auch gesellschaftliche Alternativen zum Konsumieren: Zurzeit werden Fortschritt und Wohlergehen am Bruttoinlandsprodukt gemessen. Wenn man aber als Gesellschaft auch ein anderes Ziel definieren würde, hätte das große Auswirkungen darauf, wie unser Zusammenleben funktioniert. Wenn wir z.B. die soziale Komponente mehr in den Vordergrund rücken würden, das Miteinander.

Stephan Schleim

ist assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, Niederlande.

In seiner Arbeit befasst sich Stephan Schleim mit der Theorie, der ethischen Bedeutung und dem öffentlichen Verständnis von Psychologie und Hirnforschung. Schleim schreibt auch populärwissenschaftliche Texte, vor allem über Fortschritte und Entdeckungen in den Neurowissenschaften. In seinem Buch Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert hinterfragt er die Deutungsmacht der Hirnforschung und den Sinn so mancher Interpretation von Ergebnissen wissenschaftlicher Studien. Seit knapp zehn Jahren bloggt Stephan Schleim für den Spektrum-Verlag zu den Themen Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft.

Das Thema Freiheit geht meines Erachtens ja nahtlos über in das Thema „Grenzen“, nämlich das Wahren der eigenen Grenzen. Freunde, Arbeitgeber, Kinder, Partner erwarten ein gewisses Verhalten; manche erwarten auch ein gewisses Aussehen. Müssen wir diese Erwartungen erfüllen, um im Gegenzug „dabei“ oder anerkannt zu sein?

Das hängt vom Einzelfall ab. Meiner Erfahrung nach tritt vieles von dem, was wir befürchten, gar nicht ein, wenn wir Grenzen ziehen.

Aber da ist noch etwas: Wir alle wissen, auch wenn wir nicht oft daran denken: Unsere Zeit hier ist begrenzt; niemand lebt ewig. Die Frage ist also: Was will ich mit dieser begrenzten Zeit anfangen? Was will ich noch erreichen und wie fange ich das an? Idealerweise beginnen wir damit nicht erst, wenn wir erfahren, dass wir todkrank sind. Anders gefragt: Wessen Leben lebe ich hier überhaupt? Wessen, wenn nicht meins? Warum liegt uns so viel an der Meinung oder Anerkennung anderer? Ruhm ist vergänglich. Und was ist das für ein Leben, wenn es sich in dem Satz zusammenfassen lässt: Ich habe es allen recht gemacht.

Jeder Tag, jede Minute, ja jede Sekunde ist einzigartig und wir haben niemals eine zweite Möglichkeit, uns in einer Situation anders zu verhalten. Jede Entscheidung gilt für die Ewigkeit. Es gibt kein Zurück. Selbst dann, wenn wir uns nicht entscheiden.

Sie erwähnen in einem Ihrer Texte eine Studie, die zeigte, dass die Hilfsbereitschaft von Studierenden davon abhing, ob man sie im Experiment unter Druck setzte oder nicht. Welche Faktoren beeinflussen unsere Entscheidungen denn ganz generell?

Erst einmal Eigenschaften der Umwelt. Grob gesagt: Wo zum Beispiel eine Mauer ist, da kann ich nicht hindurchgehen. Das ist schlicht Physik. Dazu kommen Eigenschaften der sozialen Umwelt: Welches Verhalten ist erlaubt und was sind die Sanktionen, wenn man Verbotenes doch tut? Dann kommt die verinnerlichte Umwelt dazu: Was denke ich, was passiert, wenn ich mich so und so verhalte? Das heißt, ich vergleiche meine Möglichkeiten mit zu erwartenden Folgen.

Ganz wichtig und nicht unabhängig von dem Vorherigen zu denken sind auch die Strukturen von Belohnung und Bestrafung, die uns konditionieren. Nehmen wir zum Beispiel so was wie Hunger. Wenn wir nicht essen, geht es uns schlecht. Großer Hunger wird als Leid empfunden. Wir denken nur noch: Ich will essen. Wenn wir dann essen, spüren wir Belohnung. Wir lernen: Wenn ich Hunger habe und esse, dann geht es mir gut. So funktioniert das Lernen von Belohnung und Bestrafung. Beinahe jede Interaktion mit der Außenwelt bestraft oder belohnt uns.

Sie beschäftigen sich intensiv und sehr kritisch mit der Hirnforschung. Was sagt sie uns über unsere Freiheit?

Ich denke, dass die Diskussion eher etwas über Moden in der Forschung aussagt. Freiheit ist keine Kategorie der Hirnforschung. Die Hirnforschung kann, ebenso wie die Psychologie, Korrelationen zwischen Einflussfaktoren (Zeitdruck, Drohungen, Werbung, Lärm, Gruppenzwang) und Entscheidungen messen – und wird dann finden: Je nach Situation gibt es solche und solche Einflüsse, die zwischen den Individuen variieren, und schließlich bleibt ein Rest, den man nicht erklären kann. Mit anderen Worten: Kein wissenschaftliches Modell kann bisher menschliches Entscheiden vollständig erklären.

Wir treffen Entscheidungen in unserem Leben nie zu 100 Prozent bewusst, das haben schon Freud, Nietzsche und Schopenhauer gesagt. Man kann aber etwas tun, um sich diesen 100 Prozent anzunähern. Was jedenfalls nicht stimmt, ist, dass man nicht bewusst Einfluss hat. Wir haben bewusste Kontrolle über unser Verhalten.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die wichtigsten Zutaten für jeden Einzelnen, um im Leben freie und individuell passende Entscheidungen treffen zu können?

Sich selbst Zeit und Raum für Bewusstwerdung und Selbsterfahrung geben. Was will ich wirklich? Womit passe ich mich nur an? Und schließlich die uralte Weisheit: Dinge zu ändern, die man ändern kann; Dinge zu akzeptieren, die man nicht ändern kann; und die Einsicht, die beiden Arten von Dingen zu unterscheiden.

Schließen

Mehr aus der Sammlung Arbeit

Artikel

Externer Inhalt

Mehr aus der Sammlung

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.