Interview

Mit Cochlea-Implantat in der Regelschule Die Mutter einer Hörimplantat-Trägerin über Herausforderungen und Erfolge

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: September 2019
In der Sammlung Kinder
Lesedauer: 4 Minuten

Amelie kam 2004 zur Welt. Im Alter von vier Monaten wurde an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit bei ihr diagnostiziert. Heute geht sie in ein reguläres Gymnasium und spielt im Golfsport ganz oben mit. In ein paar Jahren möchte sie Medizin studieren. Ohne ihre Cochlea-Implantate (CIs) wäre das unmöglich. Ihre Mutter Olga González Pérez sprach mit uns über die Höhen und Tiefen des Regelschulbetriebs.

Frau González, Ihre Tochter Amelie ist gehörlos und trägt zwei Cochlea-Implantate (CI). Sie haben sich ab der ersten Klasse für den Besuch einer Regelschule entschieden. Was war Ihnen damals wichtig?

Uns war von Beginn an klar, dass Amelie eine kleine Klasse braucht, damit der Lärmpegel nicht zu hoch wird. Wir haben schließlich eine Regelgrundschule mit nur zwei Zügen gefunden, deren Direktor sehr offen war. Amelie war das erste hörbehinderte Kind an der Schule. Wir hatten eine Kooperationslehrerin, die uns sehr unterstützt hat. Das hat gut geklappt damals.

Hörpaten

Hörpatin Olga

HörPaten teilen ihre Erfahrungen mit Hörimplantaten und beantworten individuelle Fragen und geben Information zu Hörverlust und Hörimplantaten. Olga, als Mutter einer Implantat-Trägerin, gibt gerne Einblick in das Familienleben mit Hörverlust und Hörlösung.

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Was war die größte Herausforderung in der Schule?

Die größte Herausforderung war die Klassengröße. Amelie hört Töne auch mit Implantat erst ab 30 Dezibel. Uns war es wichtig, den Nachteil, den Amelie durch ihre Hörbeeinträchtigung hat, mit Hilfe einer FM-Anlage auszugleichen. Natürlich gab es das Inklusionsgesetz, aber keiner wusste, was es bedeutet. Wir haben oft gehört: „Sie können ihr Kind schon in die Regelschule geben, aber es darf nicht mehr kosten“. Und natürlich kostet eine FM-Anlage Geld. Sie wurde letztlich auch installiert.

Warum braucht es die FM-Anlage?

Amelie versteht in der Klasse ohne FM-Anlage nicht alles Wichtige. Die Anlage überträgt die Stimmen der Lehrerin und der Schüler direkt in Amelies CI. Sie profitiert eindeutig von der Anlage. Sie bekommt alles mit, was sie mitbekommen soll.

Amelie mit der Goldmedaillen­gewinnerin Kaylin Yost aus den USA. Deaflympics Samsun, Türkei 2017

Amelie lebt mit ihren Eltern in Schwetzingen, Deutschland.

Sie ist Deutsche Meisterin im Deaf Golf und wurde 2017 als jüngste Teilnehmerin seit Bestehen des Wettbewerbs Dritte bei den European Deaf Golf Open Championships. Im Juli 2018 war sie bei den World Deaf Golf Championships in Irland dabei und im August 2019 holte sie bei der European Deaf Golf Open Championship in Schweden gleich zweimal Gold.
Amelie freut sich sehr darauf demnächst in der Schule Spanisch zu lernen, die Muttersprache ihrer Mutter.

Denken Sie, Amelie wäre auch ohne CI in die Regelschule gegangen?

Auf keinen Fall. Sie ist gehörlos. Sie hätte in eine Sonder- oder Förderschule gehen müssen. Wir sind sehr dankbar für den Erfolg des Implantats; für das, was es ihr ermöglicht. Die CI sind ihr Ein und Alles, ihre Ohren.

Was braucht es, damit Kinder mit CI sich in der Regelschule gut entwickeln können?

Für mich ist eine offene innere Haltung der Lehrer das Allerwichtigste. Eine Art Ergebnisoffenheit. Vor dem Schulwechsel hatten wir einen Termin mit den Lehrern und Amelie hat da selbst von sich berichtet. Es ist wichtig, dass sich die Lehrer auch mal eine Stunde Zeit nehmen und etwas über das Hören lernen. Aber auch von Seiten der Eltern ist es wichtig, offen zu bleiben, Verständnis und Nachsicht zu haben. Entscheidend ist es meiner Meinung nach auch, dass uns bewusst wird, dass Kinder mit oder ohne CI ganz wundervolle Wesen sind und dass sie alles in sich tragen. Uns als Eltern täte es gut, wenn wir etwas mehr Demut hätten vor dem, was unsere Kinder alles leisten.

Amelie Gonzalez mit ihren Eltern
Amelie mit ihren Eltern nach Gewinn der Deutschen Meisterschaft Deaf Golf im Golfclub Achim, Deutschland 2017.
© Privat

Hören mit zwei Ohren

MED-EL ist es ein besonderes Anliegen, gehörlosen oder hochgradig schwerhörigen Kindern das Hören mit zwei Implantaten zu ermöglichen. Bilateral versorgte Kinder hören nicht nur besser, sondern sind auch selbstbewusster: Sie können sich auf ihr Gehör verlassen.

Wer mit zwei Ohren hört, erkennt, woher ein Geräusch kommt und kann auch im Störlärm wichtige Informationen von unwichtigen unterscheiden. Auch Musik hört sich mit zwei Ohren voller und nuancenreicher an. Für beidseitig sehr schwerhörige oder gehörlose Menschen ist es daher wichtig, auch beidseitig (bilateral) mit Hörimplantaten versorgt zu werden. Vor allem Kinder profitieren davon: Mit zwei CIs lernen sie Sprache besser und müssen sich beim Hören weniger konzentrieren als mit nur einem Implantat. Umfassende Informationen finden Sie unter medel.com/de.

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