Interview

Mit Leidenschaft zum Erfolg Orchestermusiker und Profiflötist Walter Auer im Gespräch

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Juni 2020
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 7 Minuten

Walter Auer ist mit den Wiener Philharmonikern bzw. solistisch vier bis fünf Monate auf Reisen. Sein typischer Arbeitstag in Wien besteht aus Proben während des Tages, Lehren an der Universität und einer Vorstellung an der Wiener Staatsoper bzw. einem Konzert mit den Wiener Philharmonikern am Abend. Sein Arbeitstag endet selten vor 23 Uhr.

Stress braucht Ausgleich

Für Walter Auer ist das der Sport. Er hilft dem Flötisten der Wiener Philharmoniker auch, seinen Körper besser zu kontrollieren, auch in Belastungssituationen. Sein Übungstipp: sich immer wieder auf die Grundlagen besinnen und einfache Abläufe üben. Mit Explore Life spricht er über sein Leben, seine Karriere, und welche Rolle das Hören für ihn spielt.

Wann hast du die Entscheidung getroffen dein Hobby zum Beruf zu machen und dich als Profimusiker auf die Querflöte zu spezialisieren?

Im Alter von 14 oder 15 Jahren hatte ich die ersten Erfolge bei Wettbewerben. Mein Berufswunsch kristallisierte sich daraufhin immer deutlicher heraus und es war für mich damals schon klar, dass ich zu einem guten Orchester will. Ich kenne auch das Gegenteil, von Menschen, die sehr vielseitig begabt sind, und sehr lang überlegen, was sie machen wollen. Ich war froh, dass sich bei mir diese Frage nie gestellt hat und ich schon als Teenager ein klares Berufsziel hatte, dem ich mich zu tausend Prozent widmen wollte.

Egal, ob Technik, Sport oder Musik: Um ein gewisses Maß an Können und Perfektion zu erreichen, ist immer ein großer Aufwand notwendig. Ich war schon in jungen Jahren gern bereit, unzählige Stunden zu üben, in meine Leidenschaft zu investieren. Denn es braucht Leidenschaft, nicht nur Interesse.

„Das Gehör ist der allerallerwichtigste Sinn für meinen Beruf.“

Walter Auer

Wie wichtig ist das Hören für dich? Ist es wichtiger als die Lippen oder die Finger?

Das Gehör ist der allerallerwichtigste Sinn für meinen Beruf. Sollte es beeinträchtigt sein, ist alles andere nicht mehr maßgeblich. Würde ich nicht exakt hören, könnte ich die beste Stütze, den schönsten Klang und die schnellsten Finger haben. Aber wenn ich nicht genau höre, nicht zuordnen kann und nicht reagieren kann, nützt mir das alles nichts. Daher würde ich die Fähigkeit, genau zu hören, für mich auf jeden Fall als das höchste Gut einreihen.

Wird unter Orchestermusikern über Hörverlust gesprochen?

Das ist ein sehr heikles Thema. Es gibt bei uns keine verpflichtenden regelmäßigen musikmedizinischen Untersuchungen. Wir können alle zwei Jahre auf freiwilliger Basis einen Hörtest machen. Aber bis zu dem Punkt, an dem man merkt, dass man schlechter hört, vergehen Jahre und Jahrzehnte. Und es steckt oft ein langer persönlicher Leidensweg dahinter. Es ist allseits bekannt, wie sehr Beethoven unter seiner Schwerhörigkeit litt. Das ist auch heute, bei aktiven Musikern, nicht anders. Die Frage ist: will sich der Betroffene seine Schwerhörigkeit eingestehen oder nicht? Ist sie schon offensichtlich störend oder kann man sie noch verstecken? Es gibt immer wieder Fälle hochrangiger Musiker, die lange mit ihrer Schwerhörigkeit kämpfen und letztendlich aufgrund des fortschreitenden Hörverlusts nicht mehr spielen können. Das ist ein langer, psychisch extrem belastender Prozess für Betroffene. Wenn ein Musiker eine leise Stelle nicht mehr hört, kann ihm das die Ausübung des Berufs unmöglich machen. Das stelle ich mir schlimm vor. Allein bei der Vorstellung bekomme ich eine Gänsehaut.

Wie stehen Orchestermusiker zu Gehörschutz?

Das Gehör zu schützen, auch im Orchester, wo es wahnsinnig laut werden kann, macht Sinn. Gehörschutz unter Musikern wird immer mehr akzeptiert, hier hat sich in den letzten Jahren viel verbessert in der Selbstverständlichkeit und Einsicht, dass Gehörschutz notwendig ist. Als ich vor ungefähr 20 Jahren als Flötist zu arbeiten begann, war das überhaupt noch nicht der Fall. Wir alle wissen, dass ein Schaden am Gehör nur schwer, wenn überhaupt, zu reparieren ist.

Ich habe einen Zweiten Flötisten, der viel mit Gehörschutz spielt. Die ganze Zeit könnte ich das nicht, weil es mich als Solist ein bisschen einschränkt. Ich passe auf, spiele gewisse Passagen mit Gehörschutz oder halte mir bei Stellen, die auch von der Frequenz unangenehm werden, nach Möglichkeit die Ohren unauffällig zu.

In der Wiener Staatsoper sind die Streicher, die hier vor den Piccoli sitzen, durch eine Plexiglaswand vor lauten Tönen von hinten etwas geschützt.

Im Orchester der Wiener Philharmoniker spielen wir ohne sichtbaren Schutz, mit einem speziellen Im-Ohr Gehörschutz für Musiker.

Jedes Orchester, jede Flöte, jedes Konzerthaus hat einen anderen Klang. Was bedeutet Klang für dich?

Klang ist die Fülle von dem, was wir machen, das Um und Auf. Schnell spielen können alle. Klingen können die wenigsten. Eine sehr gute oder sogar außergewöhnliche, einzigartige Klangqualität zu produzieren, ist etwas, das mich mein ganzes Berufsleben lang persönlich begleitet.

Bei vielen Konzerthäusern weiß ich, wie sie klingen. Bei der Carnegie Hall in New York zum Beispiel. Das ist wie Heimkommen. „Ach, jetzt habe ich dich ein Jahr nicht gesehen, aber jetzt bin ich wieder da, jetzt bin ich wieder zuhause.“

Es gibt Räume, die einem besonders am Herzen liegen, weil sie besonders schön oder speziell sind. Die Elbphilharmonie in Hamburg ist sicher sehr speziell, die Boston Symphony Hall, die Tokyo Suntory Hall und Carnegie Hall haben eine wunderbare Akustik. Der Körper erinnert sich sogar: „Ja, diese Akustik kenne ich.“ Der berühmte Dirigent Wilhelm Furtwängler wurde einmal gefragt, wie schnell ein bestimmter Übergang in einer Symphonie gespielt werden solle. Furtwängler antwortete: „Keine Ahnung, wie schnell, das hängt davon ab, wie es klingt.“

Jeder Raum klingt anders, jeder Tag klingt anders. Wir müssen offen sein für das, was unserem Ohr zugetragen wird. Die Wiener Philharmoniker haben das große Glück, dass wir mit der Wiener Staatsoper und dem Musikvereinssaal akustisch fantastische Räume haben, in denen wir Tag für Tag arbeiten dürfen. Das prägt den Klang, die Spielart eines Orchesters, enorm. Zubin Mehta meinte einmal, wenn er mit dem Israel Philharmonic Orchestra auf Welttournee sei, seien alle Konzertsäle besser als der Heimatkonzertsaal, der einen schlechten Klang hat. Bei den Wiener Philharmonikern sei es genau umgekehrt, da seien alle Konzertsäle schlechter als der daheim. Das finde ich zwar nicht, es gibt mittlerweile wirklich wunderbare Säle, aber wir haben schon einen sehr schönen, sehr speziellen Saal in Wien. Noch dazu mit Tageslicht, das ist Luxus.

Walter Auer CD cover
Walter Auers CD CON BRAVURA wurde im Juni 2014 vom führenden österreichischen Kulturmagazin "Die Bühne" als "CD des Monats" ausgezeichnet.
© 2014 Tudor Recording

Was bedeutet Stress für dich?

Stress ist bei mir fast ausschließlich positiv besetzt. Er erhöht meine Leistungsbereitschaft, nicht meine Motivation, denn motiviert bin ich in der Regel immer. Stress empfinde ich als spannend. Das hat wahrscheinlich mit meinem starken Nervenkostüm zu tun – ich bin sehr belastbar. Egal, ob ich eine Oper im Orchestergraben spiele oder als Solist der Wiener Philharmoniker auf der Bühne sitze, der Körper steht natürlich ständig unter Spannung. Die Stressbelastung ist für Solisten noch höher als für Tutti-Musiker. Einen Fehler, der bei einem Tutti-Streicher niemandem auffällt, hört bei einem Solisten jeder.

Welche Strategien zur Stressbewältigung hast du dir zugelegt?

Ich habe für mich gelernt, gut mit Stress umzugehen. Während der Belastung selber bringt Stress ein deutlich erhöhtes Maß an Adrenalin, an Leistungsbereitschaft und Leistungsmöglichkeit. Um nach einem Opern- oder Konzertabend zu entspannen, lasse ich den Abend gemütlich mit meiner Frau ausklingen.

Mein Ausgleich, nachdem ich Gott sei Dank zu rauchen aufgehört habe, ist der Sport. Ich mache dauerhaft und wahnsinnig gern Sport. Das ist meine Stressbewältigung, mein Freiraum. Sport hält mein Nervenkostüm, meine Konzentrationsfähigkeit aufrecht.

Das habe ich auch bei den Probespielen gemerkt. Wenn ich gut trainiert bin, kann ich meinen Puls besser kontrollieren, bin Stressattacken und Lampenfieber nicht so ausgeliefert. Selbst jetzt mit Ende 40 hilft mir Sport enorm, geerdet zu bleiben und Belastungen wirklich gut durchzustehen. Das gilt übrigens auch auf Reisen. Ich laufe – bei Tourneen ist das gleichzeitig mein Besichtigungsprogramm. Außerdem fahre ich gern Rad und Ski und bin zum begeisterten Reiter geworden.

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Wie wichtig ist Routine in deinem Beruf?

Routine ist gerade in meinem Beruf wahnsinnig viel wert und extrem wichtig. Sie kommt als großer Pluspunkt dazu, auch im Umgang mit meinem Körper. Ich weiß, was mein Körper macht und kann ihn einschätzen. Ich muss mich nicht fragen, ob die Vorstellung am Abend gut gehen wird. Denn ich weiß, sie wird gutgehen. Ich muss mich natürlich vorbereiten, wenn ich ein neues Stück einstudiere oder eine besonders schwierige Vorstellung habe. Aber ich probe und spiele sowieso jeden Tag im Orchester oder der Oper und muss daher nicht zuhause zusätzlich üben. Ein fertig ausgebildeter Chirurg muss auch nicht jeden Tag üben, um einen Blinddarm entfernen zu können. Das kann er einfach.

Kannst du uns einen abschließenden Übungstipp geben? Was tun bei Rückschlägen?

Etwas, was ich in der Musik und auch im Sport bemerkt habe und was allen Trainern und Lehrern wichtig, aber schwer umzusetzen ist: Sich trauen, ganz zurückzugehen. Wieder ganz einfach und von vorne anfangen. Ich fange an, einen einzigen Klang zu produzieren. Ähnlich wie im Sport. Profifußballer üben am meisten das Passen und Stoppen des Balls.

Mein Tipp: Keine wahnsinnig komplizierten und aufregenden Sachen, sondern ganz grundlegende Dinge des Daseins trainieren. Bei der Musik einen Klang zu hören, zwei Klänge hören, und sich dabei wieder wohlfühlen und darauf aufbauen. Back to the roots. Weg von Virtuosität und Brillantentum. Das ist es zwar, was Spaß macht, aber einen Dreiklang wunderschön und perfekt zu gestalten, das macht man viel zu wenig. Dabei sollte man immer wieder von vorne anfangen. Sich alle grundlegenden Komponenten bewusstmachen, auf die man dann aufbauen kann.

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