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"Music was my first love" Wie Musik das Leben älterer Menschen verändern kann

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: April 2019
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 7 Minuten

Musik ist die einzige Sprache, die jeder Hörende überall und in jeder Lebenslage versteht. Das macht sie vor allem für alte Menschen unersetzlich.

Das enorme Potenzial von Musik

John Miles hat mit seiner Ballade „Music” aus dem Jahr 1976 Popgeschichte geschrieben. Die Zeile „Music was my first love” ist fast schon prophetisch, bedenkt man, welch großes Potenzial in der Musik auch für Menschen im Alter steckt: Sie kann aktivieren, beruhigen, die kognitiven Fähigkeiten trainieren, Kommunikation ermöglichen, die Teilhabe am Leben stärken und auch beim Sterben begleiten.

Musikalische Bildung im Alter

Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Bedürfnisse der Senioren. Sie haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt: Wir werden älter, sind länger gesund und treten früher aus dem Berufsleben aus. Die Altersgruppe der Senioren ist daher keine homogene Einheit, sondern umfasst die über 60-Jährigen ebenso wie die 90-Jährigen, aktive Senioren, die am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, ebenso wie alte Menschen, die an mobilen Einschränkungen oder Altersdemenz leiden. Für beide Gruppen kann Musik eine große Bereicherung und Ressource sein. Nicht nur als sinnstiftende Freizeitbeschäftigung, sondern auch als nachhaltige Prävention gegen geistigen Abbau oder als letzte Kommunikationsform.

In Deutschland haben die Musikprofessoren Theo Hartogh und Hans Hermann Wickel an der Hochschule Münster den interdisziplinären Lehrgang Musikgeragogik entwickelt und damit jener Disziplin einen Namen gegeben, die sich mit der musikalischen Bildung im Alter beschäftigt. In die Musikgeragogik fließen Erkenntnisse aus der Alterspsychologie, den Pflegewissenschaften, aus der Gerontologie und der Heilpädagogik ein. Es sind zwei Fachrichtungen, die die Musikgeragogik vereint: Die Musikpädagogik auf der einen Seite, die Pflege- und Sozialwissenschaft auf der anderen.

© Getty Images; Musik kann eine große Bereicherung und Ressource sein.

Musizieren stärkt das Gehör

Die Wirkungsweise von Musik auf das Hörvermögen wurde in den vergangenen Jahren vielfach auch wissenschaftlich nachgewiesen.

So konnte etwa die amerikanische Neurowissenschaftlerin Nina Kraus belegen, dass Menschen mit musikalischer Bildung Vorteile haben gegenüber Menschen ohne: Es fällt ihnen beispielsweise leichter, Stimmen von Hintergrundgeräuschen zu differenzieren. Außerdem fand die Wissenschaftlerin heraus, dass Menschen, die in ihrer Kindheit ein Instrument gelernt haben, auch im fortgeschrittenen Alter eine schnellere neuronale Reaktion auf Sprache und damit ein besseres Sprachverständnis haben. „Es spielt keine Rolle, welches Instrument du gespielt hast”, sagt Kraus, „Hauptsache du hast eines gespielt.”

Musikunterricht angepasst ans Seniorenheim

Viele ältere Menschen möchten im Ruhestand nachholen, was aufgrund des Arbeits- und Familienlebens bisher keinen Platz hatte. Zum Beispiel das Lernen oder Wieder-Erlernen eines Instruments. Musikpädagogen sind von ihrer Ausbildung her meist darauf ausgerichtet, junge Menschen zu unterrichten. Nicht selten sind sie daher von den Bedürfnissen Älterer überfordert. Sie müssen zum Beispiel mit körperlichen Einschränkungen umgehen, die Lerngeschwindigkeit berücksichtigen, bei der Instrumentenwahl auf altersgerechte Anforderungen achten – und neben alledem die musikalische Lebenserfahrung einbeziehen. Im Alter stehen Sinnstiftung und Lebensfreude durch Musik im Vordergrund und nicht eine möglichst große Virtuosität. Das ist die eine Seite der Musikgeragogik: die pädagogische.

Auf der anderen Seite steht die pflegerische und soziale Arbeit mit alten Menschen, die an kognitiven Defiziten leiden, wie etwa Altersdemenz. Demenzielle Erkrankungen zeigen sich unter anderem durch Gedächtnisstörungen, Abnahme des Denkvermögens, Persönlichkeitsveränderungen und durch eine Verarmung des Ausdrucksverhaltens. Die positive Wirkung von Musik gerade auf Demenzkranke ist seit langem bekannt. Singen und Musizieren gehören zum Standardprogramm in vielen Seniorenheimen.

Musik weckt Erinnerungen

Beim gemeinsamen Musikmachen ist die Auswahl der Musik entscheidend. Es ist der Kontext, der in der Arbeit mit alten Menschen zählt. Viele Erinnerungen sind mit Musik verknüpft – und lassen sich durch Musik wecken. Ein häufig beobachtetes Phänomen etwa ist, dass Menschen mit schwerer Demenz ihren eigenen Namen nicht mehr kennen, aber mühelos vier Strophen eines Volksliedes singen können.

„In der Demenz ist meist das Kurzzeitgedächtnis am stärksten betroffen. Biografische Inhalte gehen jedoch weniger verloren. Da gilt es auch mit der Musik anzudocken. Über bekannte Musik kann wieder ein Bezug zur eigenen Identität gefunden werden”, sagt Musikgeragogin Marlene Beuerle, die sich in ihrer langjährigen Arbeit auf Demenzkranke spezialisiert hat.

Chor
Musik ist mehr als ein Hobby: Sie kann uns vor geistigem Abbau bewahren.
© Dover Design Photography

Besondere Bedürfnisse brauchen eigene Instrumente

Beuerle bietet im Rahmen einer Gruppenstunde auch Stücke aus der Musikliteratur an, um den Bildungsauftrag zu erfüllen. „Ich greife dafür auf Stücke mit einem deutlich wahrnehmbaren Rhythmus zurück, die vielleicht noch einen Bezug zur Jahreszeit haben, wie etwa den Marsch aus Tschaikowskys „Nussknacker” oder „Der Frühling” von Antonio Vivaldi”, erklärt Marlene Beuerle. „Nachdem die Teilnehmer das Stück gehört haben, begleiten sie mit einfach zu handhabenden Instrumenten wie Rasseln, Klanghölzern oder auch Walnüssen das Stück.”

Für die speziellen Bedürfnisse ihrer Klienten hat Marlene Beuerle ein eigenes Klanginstrument entwickelt, den Kinnor; eine Art Hackbrett, das sich angenehm anfasst und dem sich ohne Vorkenntnisse vielfältige Klangfarben entlocken lassen. „Seine Resonanzen übertragen sich auf den Körper und werden auch von Menschen mit Hörverlust wahrgenommen. Klänge sind ein gutes Transportmittel für Verständigung. Mit dem Kinnor können demente Menschen zum Ausdruck bringen, was in ihnen ist. Das ist entlastend und erleichternd: Dass man sich hörbar und verständlich machen kann, wo Worte versagen oder keinen Sinn mehr ergeben.”

Mit Rhythmus gegen die Demenz

Aktives Musizieren fördert die Vernetzung unter den Nervenzellen deutlich und relativ schnell. Damit wird einer der typischen Folgen von Demenz entgegengewirkt: dem Verfall von Nervenzellen. Sowohl Musikhören als auch aktives Musizieren sind in keinem bestimmten Gehirnareal verortet, sondern Musik stimuliert das Gehirn an sich – laut Experten einer der Gründe, warum Musik bei Demenz so gut wirkt.

Sämtliche Gehirnareale werden aktiviert und die beiden Gehirnhälften miteinander verschaltet. Davon profitieren zum Beispiel auch Schlaganfall-Patienten. „Dieser Bereich ist mittlerweile sehr gut erforscht”, erklärt Silke Kammer, zertifizierte neurologische Musiktherapeutin und Mitglied des deutschlandweiten Netzwerks „Musik auf Rädern”. „Die Schädigung bei kaputten Bahnen ist irreversibel, aber Musik unterstützt das Gehirn dabei, neue Bahnen zu schalten.” Neurophysiologisch lässt sich auch gut erklären, warum Musik bei Demenzkranken so wirksam ist. „Die Schallwellen werden über das Ohr in elektrische Impulse umgesetzt und über das Stammhirn in die Gehirnrinde geleitet”, sagt Kammer. Im Stammhirn befindet sich das limbische System, der Sitz der Emotionen. Und alles, was vom Gehirn mit Emotionen verknüpft wird, wird als wichtig abgespeichert und damit leichter erinnert.” Bei den meisten Hochaltrigen sind es Volkslieder, die zu ihrem erinnerbaren Repertoire gehören. Es kommt aber auch vor, dass Silke Kammer die Beatles oder Elvis Presley einbaut.

Mit den Jahren wird sich die Arbeit von Musiktherapeuten und Musikgeragogen entsprechend den wandelnden Bedürfnissen alter Menschen verändern, sagt Kammer: „Unser Umgang mit Musik ist heute ein ganz anderer als früher. Musik wird mehr gehört und viel weniger aktiv betrieben. Wenn wir einmal alt sind, wird man mit dem DJ kommen müssen, um unsere Erinnerungen zu aktivieren.”

Musiktherapie bei neurologischen Krankheiten

In den USA gehört die so genannte neurologische Musiktherapie (NMT) mittlerweile zur Standardtherapie in neurologischen Krankenhäusern, und sie wird von sämtlichen Kassen erstattet. Auch in Deutschland und der Schweiz wird NMT eingesetzt. Entwickelt hat diese Therapieform Michael Thaut, Professor für Musik und Neurowissenschaften an der Universität von Colorado. Ein Teil der NMT ist die so genannte melodische Intonationstherapie (MIT).

Sie wird bei Patienten mit Broca-Aphasie eingesetzt. Bei dieser Erkrankung ist die Sprachproduktion beeinträchtigt; die Patienten sprechen langsam und zögerlich, finden oft nicht die richtigen Wörter und machen Fehler in der Grammatik. Bei der MIT werden Alltagssätze nah an der natürlichen Betonung gesungen und der Rhythmus gleichzeitig in die Hand geklopft. Nach wenigen Wochen stellt sich meist eine Verbesserung in der Sprachproduktion ein.

Musik stärkt auch die Motorik, was sich zum Beispiel in der Rehabilitation nach einem Schlaganfall nützen lässt. Schleift ein Patient nach einem Schlaganfall etwa ein Bein nach, kann ein Gangtraining mit der so genannten Rhythmisch-Akustischen-Stimulation (RAS) hilfreich sein. Genutzt wird dabei die außergewöhnlich starke Anpassungsfähigkeit von menschlicher Bewegung an akustische Stimuli. Durch den Einsatz eines Metronoms wird der natürliche Impuls des Gehirns genutzt, sich im Takt zu bewegen, wodurch das Nachschleifen des Beins nach einer gewissen Zeit ausbleibt.

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