Portrait

Musik für alle Das Leben des schwerhörigen Musikers Mischa Gohlke

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Oktober 2018
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 7 Minuten

Als Teenager wollte er die Gitarre vor lauter Frust an die Wand schmeißen. Heute steht der nahezu gehörlose Mischa Gohlke mit seiner Band auf der Bühne – und unterrichtet selbst Musik. Er ist einer jener hörbeeinträchtigten Menschen, die mit Konventionen brechen. Die trotz aller Einschränkungen nur eines machen wollen: Musik.

Neue eigene Wahrnehmung

Seine braunen Haare hängen schweißnass auf der Stirn. In der Hand die E-Gitarre, über dem Kopf gedimmtes Scheinwerferlicht. Blues quillt aus den Lautsprechern. Der Mann stampft seine Ferse fest im Takt auf den Boden, drückt bei den ganz hohen Tönen kurz die Augenlider zusammen.

So sieht das aus, wenn Mischa Gohlke Musik macht.

Wie es sich anhört, ist für jeden Menschen anders. Das weiß besonders Mischa Gohlke. Geht es nach medizinischen Hörtests, ist er nahezu gehörlos. Wenn er seine Hörgeräte trägt, kann der deutsche Profi-Gitarrist 60 bis 70 Prozent jener Lautstärke wahrnehmen, die die Ohren eines Normalhörenden schaffen. Wenn seine Freundin singt, kann er die Worte nicht genau verstehen, vor allem die t-s-sch-z-Laute. Wenn sein Drummer zu trommeln beginnt, hört er nur die Snare Drum, eine kleine Trommel, klar – die Hi-Hats, das Becken, sie gehen in einem Klangbrei unter. „Wobei: Es gibt Momente oder Konzerte, da kann ich fast alle Feinheiten hören und verstehen”, sagt er. „Das hat viel mit Vertrauen zu sich selber und zur eigenen Wahrnehmung zu tun. Letztlich erschaffen wir uns unsere Realität.”

Schwerhörig – na und?

Mischa Gohlke gehört zu einer Generation von Menschen, die schwer bis gar nichts hören – und die sich deswegen nicht davon abbringen lassen, zu tanzen, zu singen: Da ist die Schottin Evelyn Glennie, die in ihren Teenagerjahren durch eine Nervenkrankheit beinahe ihr gesamtes Gehör verlor und später an der Londoner Royal Academy of Music Schlagzeug und Komposition studierte. Oder die deutsche Kassandra Wedel, die mit drei Jahren durch einen Autounfall gehörlos wurde und heute in einem Münchner Tanzstudio unterrichtet. Vor fünf Jahren bewarb sich der gehörlose Finne Marko Vuoriheimo sogar beim ältesten und größten Musikwettbewerb Europas, dem Eurovision Song Contest: Er rappte in Gebärdensprache in der finnischen Vorausscheidung und wurde knapp Zweiter. Heute hat er einen Plattenvertrag.

Dass Mischa Gohlke so gut wie nichts hört, bemerken seine Eltern, als er drei Jahre alt ist. Trotzdem schicken sie ihn in die Regelschule in Schleswig-Holstein; er soll aufwachsen wie alle anderen Kinder in seinem Alter. Bis heute spricht Gohlke kaum Gebärdensprache. Manchmal, wenn er spricht, klingt seine Stimme etwas ungewöhnlich.

Grafik Häufigkeit von Hörverlust
Quelle: MDB; WHO Schätzung Disabling Hearing Loss (DHL) von 2011: Definierte Grenzwerte: Erwachsene: ≥41b; Kinder von 0 bis 14 Jahren: ≥31db
© MED-EL

Er sei froh, dass seine Eltern ihn herausgefordert hätten, auch wenn das nicht immer leicht gewesen sei: Im Klassenzimmer ist es laut, der junge Mischa versteht auch mit seinen Hörgeräten oft nur Wortfetzen, muss sich ständig konzentrieren. Um den Kopf frei zu bekommen, steht er nach der Schule auf dem Fußballplatz oder packt den Tennisschläger aus. Musik: kein Thema.

Bis er Stevie Ray Vaughan hört, die texanische Blueslegende. „Ich habe zufällig reingehört”, sagt Gohlke heute. Damals war er 15 Jahre alt. „Ich spürte eine tiefe Verbundenheit”, sagt Gohlke. Es ist dieses Lied, das ihn zur Musik bringt. Der Vater schenkt ihm seine erste E-Gitarre. Der Sohn probiert erst herum, beginnt dann, sich über Tabulatoren, Noten und Akkorde, über die Augen, an das Instrument heranzutasten. Acht Stunden am Tag habe er geübt, die Gitarre an manchen Tagen vor Frust an die Wand werfen wollen, weil es langsamer ging als am Tag zuvor, weil es manchmal gar nicht ging. Am Ende kann er die Lieder doch. Mit 17 nimmt er Musikunterricht, zwei Jahre später beschließt er, Musiker zu werden. „Es wäre schließlich zu einfach gewesen, alle Schwierigkeiten bei der Musik, im Leben oder in der Kommunikation lediglich auf die Hörschädigung zurückzuführen”, sagt er.

Wie hören hörbehinderte Menschen?

Wie schwerhörige Menschen Musik lernen und wahrnehmen können, wird erst seit etwa zehn Jahren wissenschaftlich untersucht.

Lange konzentrierten sich die Forscher auf die Lautsprache. Die Geheimnisse des musikalischen Verständnisses von hörbehinderten Menschen werden erst langsam gelüftet; die Forscher haben also noch einiges zu tun – wenngleich: einige Ergebnisse gibt es schon. So sind schwerhörige Menschen, wenn sie mit Hörgerät oder Implantat versorgt sind, beim Rhythmusgefühl gleich begabt und lernfähig wie Hörende. Die Pädagogin Shirley Day Salmon stellte fest, dass schwerhörige Personen Tanzschritte leichter verstehen, weil sie aus Gewohnheit besser und schneller mit ihren Augen lernen können. Geht es um Melodien, Timbre, um Tonhöhen, dann schneiden gut hörende Menschen aber so gut wie immer besser ab.

Fördern und fordern im Musikunterricht?

Seit ein paar Jahren unterrichtet Mischa Gohlke in derselben Kieler Musikschule, in der auch sein Vater arbeitet. Für den jungen Lehrer gibt es kaum Unterschiede, wie gut oder schlecht hörende Kinder lernen, ein Instrument zu spielen. „Manche Schüler lernen über das Ohr, andere über das Auge, brauchen Noten oder schauen sich lieber was vom Gegenüber ab”, sagt er. „Generell sollte man den Menschen abholen wo er steht. Fördern und fordern, in Kontakt sein, in Beziehung sein.”

Das "Erlebnis Musik" für Gehörlose

Ob Blues oder Klassik ist dabei nebensächlich. Das renommierte deutsche Mahler Chamber Orchestra startete vor einigen Jahren eigene Workshops für hörgeschädigte Kinder, die klassische Musik miterleben wollen: Die Pauker, Geiger und Cellisten packen ihre Instrumente ein, besuchen Schulen im ganzen Land. Am Ende können die Kinder im Konzertsaal mitten im Orchester Platz nehmen, sich die Musik von allen Seiten ansehen und spüren, wie aus vielen Einzelteilen ein harmonisches Ganzes wird. Es ist ein Projekt mit der britischen Organisation Music and the Deaf, die sich seit einem Vierteljahrhundert darum bemüht, Rhythmen und Melodien für alle zugänglich zu machen, die sie nicht so leicht hören können. Auch in manchen Gehörlosenschulen arbeiten engagierte Lehrer daran, ihren Schülern das Tor zur Musik zu öffnen, wie das Gohlke tut.

Für Gitarrist Mischa Gohlke ist Musikmachen keine Frage des Hörorgans – sondern eine der Leidenschaft. © ULRIKE SCHAFFER

Zwei Jahre ist es nun her, seit Mischa Gohlke seine jetzige Band gründete, die auch nach ihm benannt ist. Ein Bassist und Sänger, ein Schlagzeuger, ein Gitarrist. Sie haben sich in der Hamburger Szene gefunden. Gohlkes Vater spielt dann und wann die zweite Gitarre. Es sei eine Genugtuung, nach all den Frustrationen, die er in den Jahren davor erlebt habe: „Ich bin durch einige Bandcastings durchgefallen”, sagt Gohlke. „Damals war ich noch sehr unsicher, hatte eher wenig Selbstvertrauen.” Zwei Berufsfachschulen für Musik lehnten ihn des schlechten Gehörs wegen ab.

Mischa Gohlke hat sich durchgekämpft. Im nächsten Jahr will er nicht nur Gitarre spielen und unterrichten. Er will etwas probieren, das er sich noch nie getraut hat: auf der Bühne singen. „Da muss ich komplett meinem inneren Gehör vertrauen”, sagt Gohlke. „Auf den meisten Instrumenten kann man ja sehen und fühlen, welche Töne richtig sind. Außerdem ist die Artikulation eine große Herausforderung für mich.”

Noch spielt er die Melodien auf der Gitarre nach, bereitet sich vor. Es sind Songs, die er tausendmal in sich abgespeichert hat, die er auswendig kann. Seine Freundin, selbst Sängerin, sagt ihm dann, ob es so passt oder nicht. „Die Kunst ist, am Ball zu bleiben”, sagt Gohlke. „Mit Kontinuität, Disziplin und Leidenschaft können wir fast alles schaffen.”

Initiativen für mehr Musik

Musizieren ohne natürliches Gehör? Für viele Menschen ist das fröhlicher Alltag.

Hüben und drüben sprießen Initiativen aus dem Erdboden, deren Aufgabe es ist, hörbeeinträchtigten Menschen Musik ganz nahe zu bringen. Hier eine Auswahl:

  • Grenzen sind relativ Ein Projekt von Mischa Gohlke, über das er Musikunterricht für Hörgeschädigte anbietet, aber auch Events organisiert, Bewusstseinsbildung betreibt und Interessierte miteinander vernetzt. www.grenzensindrelativ.de
  • Rock und Pop Schule Kiel Seit 2010 läuft an der Rock und Pop Schule Kiel das Pilotprojekt „Musikunterricht für Hörgeschädigte”. Projektleiter ist Mischa Gohlke; Gründer und Leiter der Schule ist sein Vater Hörbie Schmidt. www.rockpopschule.de
  • Feel the Music Eine Projektreihe des Mahler Chamber Orchestra, die noch bis 2015 hörgeschädigte Kinder an Musik heranführen soll. www.mahler-chamber.de
  • Music and the Deaf Eine britische Organisation, die seit 1988 hörgeschädigte Kinder für Musik begeistern will und auch Workshops und Trainings anbietet. http://matd.org.uk
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