Interview

Musik ist in Klang gegossenes Gebet Geigenbauer Martin Schleske im Interview

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Dezember 2020
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 4 Minuten

Teil 1 | Teil 2

Im ersten Teil haben wir den berühmten Geigenbauer und Autoren geistlicher Bücher, Martin Schleske, in einem Portrait vorgestellt. In Teil zwei kommt er in unserem Gespräch über Handwerk, Physik und Spiritualität direkt zu Wort.

Herr Schleske, wir fangen gleich mit einer Kernfrage an: Was bedeutet Klang für Sie?

Was Klang für mich bedeutet ist eine so große Frage. Dazu habe ich meine beiden Bücher geschrieben. Es bedeutet für mich hineinzuhören in die Schöpfung, in die ganze Schönheit des Daseins. Klang beruht auf Schwingungen. Diese sind die ordnende Kraft des Universums. Denn im Kleinsten wie im Größten werden die Dinge durch Schwingungen geordnet: Die Elektronenwolke um den Atomkern. Die Planetenbewegungen, die Sternbewegungen. „Klang“ ist das hörbare, sinnliche Erleben ein dieser Ordnung. Es ist für mich ein Lobpreis des Lebens, still zu werden und zuzuhören.

Da spricht nicht allein der Geigenbauer aus Ihnen. Es ist bekannt, dass Ihr Instrumentenbau etwas Religiöses hat. Wie passt die Physik hierein, wie sind Sie darauf gekommen, zusätzlich Physik zu studieren?

Ich wusste bereits mit 17, dass ich Geigenbauer werden wollte. Dieses Handwerk gibt einem die Möglichkeit, die Sinnlichkeit des Wertstoffes Holz mit den Naturgesetzen zu verbinden. Allerdings wird man nicht mal ebenso Geigenbauer. Die Mittenwalder Musikinstrumentenschule hat jährlich Hunderte von Bewerbungen, die Geigenbauerklasse nimmt höchstens zwölf Schüler auf. – Ich habe die zehnte Klasse des Gymnasiums geschmissen, bestand die Aufnahmeprüfung, ich war einer von Ihnen.

Die Ausbildung schlossen Sie, der aus einem akademisch geprägten und nicht religiösen Elternhaus kommt und vorerst auf viel Unverständnis gestoßen ist, mit dem Gesellenbrief ab. Wie ging es weiter?

Ich nenne es Fügung, als ich einen renommierten Akustiker traf, der mir angeboten hat, in seinem Labor zu arbeiten, da ich mich immens für Schalltechnik und Schwingungsanalysen interessiert habe. Hier erkannte ich, dass, wenn ich dem Klanggeheimnis alter Geigen auf die Spur kommen will, dem Unterschied zwischen einer Stradivari und anderen Geigen erkennen möchte, nicht an Physik vorbeikomme. So holte ich mein Abitur nach und studierte Physik.

Mit 27 waren Sie Diplom-Ingenieur, mit 30 Geigenbaumeister. Es dauerte nicht lange, und Sie entschlossen sich als selbständiger Geigenbaumeister zu arbeiten. Welche besonderen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

An der Werkbank habe ich die tatsächlichen Erkenntnisse über die Grundfragen des Lebens erhalten, bei Fragen, die ich mir schon sehr früh gestellt habe. Dazu gehört, dass man leidensfähig sein muss und bei der Suche nach dem Besonderen nicht aufgeben darf. Meine Klanghölzer finde ich nicht im flachen Land, einfach am Wegesrand, beim Vorübergehen. Zumeist steige ich in Holzfällerausrüstung mitten im Winter bis hoch zur Baumgrenze, um das richtige Holz wie Fichte und Ahorn zu finden. Mondholz ist sehr sinnvoll, da in dieser Phase des Schlagens das Holz nicht im Saft ist und darum später bessere Schwingungseigenschaften hat. Das richtige Holz zu finden, bedeutet damit einen großen Aufwand, Mühe, Risiko, vollen Einsatz und Leidenschaft .... so ist auch unser Leben.

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Danke für diese kurze Einsicht in Ihre Arbeit. Es gibt sicher nicht nur Lob. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Diesen Beruf kann man nur überstehen, wenn man sich Freude und Leid, Lob und Kritik nicht allzu sehr zu Herzen nimmt. Mir sind Kollegen bekannt, die die Kritik nicht ausgehalten haben und deswegen viel zu früh aufgegeben haben. Als Geigenbauer müssen wir uns jedoch nicht nur in die Holzfaser einfühlen können, sondern auch in die innersten Fasern der Musikerseele, und Musiker - das ist kein Märchen - sind anders als normale Menschen. Ich habe jahrelang gebraucht, um diese anstrengende Andersartigkeit meiner Kunden zu akzeptieren. Auch das gehört zur Leidensfähigkeit, im positiven Sinn.

Worin zeigt sich diese Andersartigkeit, die Sie ansprechen?

Es gibt kein Dazwischen, es gibt, wenn diese über den Klang oder Spielbarkeit ihres Instrumentes sprechen nur ein „überwältigend gut“ oder „unsagbar schlecht“. Mit dieser Aussage allein ist es schon nicht einfach, ein Instrument klanglich einzustellen, geschweige denn zu bauen. Was geschieht ist, dass man von der einen zur anderen Sekunde wegen seiner Arbeit in den Olymp gehoben wird, um in der nächsten Sekunde im Keller zu landen. Zehn Jahre hat es gedauert, bis ich gelernt habe, mit diesen Extremen umzugehen. Dabei bin ich selbst zum Musiker geworden, auch, wenn ich nicht so virtuos bin wie meine Kunden. Aber ich verstehe, warum sie diese Extreme durchleben.

In Ihrem zweiten Buch „Herztöne“ schreiben Sie, dass das Wichtigste beim Bau einer Geige die Stille sei. Wie sehen Sie das beim Menschen?

Der Geigenbau besteht tatsächlich in der Kunst, das Holz zu „erhören“, und das in jedem Arbeitsschritt, in dem das Holz quasi von Schlacken befreit wird. Hierfür braucht man Stille, ein hörendes Ohr, sonst kann man den Klang des Holzes nicht hören. Beim Menschen, um Ihre Frage zu beantworten, ist es ähnlich. Wenige wissen, dass das Wort „Person“ sich aus den Worten „per“, das heißt hindurch, und „sonum“, das heißt Ton, zusammensetzt. Der Herkunft nach heißt Person also „hindurchtönen“. Die eigentliche Frage müsste demnach heißen: Was kommt durch dich zum Klingen? Das lässt sich schlecht im Lärm der Welt erfahren, sondern nur in der Stille.

„Sowie auch Musik letztlich in Klang gegossenes Gebet ist.“

Martin Schleske

Das merken wir uns! Kommen wir zur berühmten letzten Frage: Wie beginnen Sie Ihren Tag als Geigenbauer?

Nicht mit der Werkbank (lacht). Bevor ich ins Atelier gehe, laufe ich eine große Runde mit unserem Hund. Im Atelier angekommen, geht es sofort in den dritten Stock, ins Dachatelier. Hier führt eine Hühnerleiter auf eine abgetrennte Empore und dort beginnt mein Tag als Instrumentenbauer. Ich lese einige Zeilen aus der Bibel, oder von dem Religionsphilosophen Martin Buber … ich habe einige Bücher dort liegen. Es ist meine Gebetszeit. Diese ist essentiell. Sowie auch Musik letztlich in Klang gegossenes Gebet ist.

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