Artikel

Musik und Spiritualität Wie uns Klänge auch in schwierigen Zeiten dabei helfen können, uns mit der Welt zu verbinden

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Dezember 2020
In der Sammlung Leben
Lesedauer: 8 Minuten

2020 war und ist ein schwieriges Jahr: Die Corona-Pandemie bereitet den Menschen auf der ganzen Welt Sorgen um ihre Gesundheit und löst teilweise große Existenzängste aus. In solchen Situationen brauchen wir die Unterstützung unserer Mitmenschen, wollen in den Arm genommen werden, gemeinsam lachen – genau das Gegenteil von Social Distancing. Weihnachten und den Jahreswechsel werden viele nicht im Kreis ihrer Liebsten verbringen können. Das ist traurig. Hilfreich kann es jedoch sein, Spiritualität für sich zu entdecken. Indem wir annehmen, was ist und uns mit etwas verbinden, das über unsere Grenzen hinausweist, erkennen wir, dass wir nicht alleine sind. Wie aber lässt sich ein Zugang zur Spiritualität finden? Den Weg kann uns eine alte Vertraute bereiten: die Musik!

Die Geschichte der Musik

Vor einigen Jahren machten Forscher eine wichtige Entdeckung im Geißenklösterle, einer Halbhöhle auf der Schwäbischen Alb: Sie fanden Flöten aus Vogelknochen und Mammut-Elfenbein. Kohlenstoffberechnungen ergaben, dass die Flöten zwischen 42.000 und 43.000 Jahre alt sein müssen. Somit datieren sie auf den Zeitraum, in dem der Homo sapiens Europa besiedelte. Da jedoch viele musikalische Praktiken auf eine Instrumentierung verzichten, ist davon auszugehen, dass der Mensch bereits vor der Erfindung von Instrumenten musiziert hat. Man kann in jedem Fall sagen: Die Musik ist so alt wie die Menschheit selbst.

Musik in verschiedenen Kulturen

Jede Gemeinschaft hat spezifische musikalische Praktiken, doch lassen sich über alle Kulturen hinweg Gemeinsamkeiten feststellen. So ist Musik ein elementarer Bestandteil von Schöpfungsmythen sowie ritueller Praxis und dient dem Aufbau, beziehungsweise der Stärkung von Sozialbeziehungen – Kernelemente einer jeden kulturellen Gemeinschaft. Bereits seit der Antike gilt der Klang als Ursprung der Welt, so zum Beispiel in Platos Sphärenharmonie. Der Hinduismus vertritt ebenfalls eine Art akustischer Theologie mit der Auffassung, dass der Klang göttlichen Ursprungs sei. In einer Art Traumwelt verorten indigene Völker Amerikas und Afrikas die Musik und den Klang. Wer Zugang zu dieser Welt und somit zur Musik hat, hat besondere Kräfte; er gilt als Heiler.

Spiritualität und Musik

Musik und Spiritualität sind also untrennbar miteinander verbunden. Nicht nur dienen spirituelle Erfahrungen als Inspiration für Kompositionen und spontanen musikalischen Ausdruck. Musik wird auch gezielt eingesetzt, um den passenden Rahmen für Gottesdienste, Meditation oder Rituale zu schaffen. Da aber Musik und Spiritualität so engmaschig miteinander verwoben sind, ist es schwer, ihre jeweiligen Grenzen zu definieren. Marcel Cobussen, Autor und Professor für Auditive Kultur an der Universität Leiden, beschäftigt sich in seinem Buch „Thresholds: Rethinking Spirituality Through Music“ mit dem Verhältnis zwischen den beiden. Ihm zufolge ist das Spirituelle eine Art offener Raum zwischen der menschlichen und der göttlichen Welt. Er argumentiert, dass es die Aufgabe der Musik sei, diesen Raum durchlässig zu halten, und behauptet sogar: Die Musik erst schafft diesen Raum.

Wie unser Gehirn auf Musik reagiert

„Keine Kunst wirkt auf den Menschen so unmittelbar, so tief ein, als die Musik, weil keine uns das wahre Wesen der Welt so tief und unmittelbar erkennen lässt, als diese“, formuliert Arthur Schopenhauer. Die Vermutung des deutschen Philosophen scheint bestätigt, wirft man einen Blick in das menschliche Gehirn. Offenbar beeinflusst nichts unser Gehirn auf anatomischer und chemischer Ebene so positiv wie die Musik. Zum einen lässt sie die graue Substanz des Gehirns wachsen, in der sich die Synapsen befinden. Zum anderen wird auch das Corpus callosum dicker, also der Balken, der die beiden Hirnhälften miteinander verbindet. Außerdem ist auf MRT-Scans und EEG-Aufnahmen etwas Erstaunliches zu sehen: Beim Musizieren und Musikhören sind so gut wie alle Hirnregionen aktiv. Sogar der Hirnstamm, der älteste Teil unseres Gehirns, der nicht einmal auf Sprache reagiert, spricht auf Musik an.

Musik wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus

Was für das Gehirn gilt, gilt auch für Körper und Geist. Musik hat positive Effekte sowohl auf die physische als auch die psychische Gesundheit und wird im therapeutischen Rahmen gezielt zur Linderung bestimmter Leiden eingesetzt. Musik mindert nicht nur Stress und fördert Entspannung, sie kann sogar bei Depressionen Erleichterung verschaffen. Professor Christian Gold von der norwegischen Universität Bergen hat im Rahmen diverser Studien belegt, dass Musiktherapie Menschen beispielsweise dabei helfen kann, Lernbehinderungen zu überwinden.

Auch Patienten mit Schizophrenie und Demenz profitieren von einer musiktherapeutischen Behandlung. Eine Studie von Professor Sandi Curtis aus dem Jahr 2011 wiederum hatte die Auswirkungen von Musiktherapie auf Palliativpatienten zum Gegenstand: Die musiktherapeutische Behandlung von 101 Menschen linderte nicht nur Schmerzen, sorgte für Entspannung und hob die Stimmung. Für viele Patienten stellte sie darüber hinaus eine Steigerung der Lebensqualität dar. Sie wünschten sich Musik auch für den Moment, in dem sie sich schließlich vom Leben verabschieden würden.

Für jede Stimmung die richtige Musik

Eine im PLoS veröffentlichte Studie der niederländischen Wissenschaftler Jacob Jolij und Maaike Meurs belegt, wie stark Musik nicht nur unsere Stimmung, sondern sogar unsere visuelle Wahrnehmung beeinflusst. Während die Studienteilnehmer Musik hörten, wurden ihnen Bilder von einem lachenden und einem traurigen Smiley gezeigt. Hörten sie gerade fröhliche Musik, sahen sie öfter einen lachenden Smiley, bei trauriger Musik sahen sie vermehrt das traurige Gesicht – und zwar unabhängig davon, welcher Smiley ihnen tatsächlich gezeigt wurde!

Musik kann uns also in ganz verschiedene Stimmungen versetzen und für jede Stimmung gibt es dir richtige Musik. Im Sommer beispielsweise bevorzugen wir temporeiche, beschwingte Musik. Hören wir Pop, schüttet unser Gehirn Dopamin aus und wir fühlen uns fröhlich. Diesen Effekt können wir uns zunutze machen: Vor einer Prüfung oder einem Vortrag zum Beispiel versetzt uns vergnügliche Musik in eine heitere, ja zuversichtliche Stimmung und wir meistern die Herausforderung mit links!

Ruhigere Töne fördern die stille Einkehr

Wollen wir den Winter und den bevorstehenden Jahreswechsel nutzen, um zur Ruhe zu kommen, empfehlen sich gemäßigtere Töne. Es muss jedoch nicht unbedingt explizit spirituelle Musik sein, wie etwa gregorianische Gesänge oder das Vibrieren von Klangschalen. Klassik ist eine ebenso gute Wahl, oder aber moderne, minimalistische Kompositionen, die weitestgehend auf Gesang verzichten und stattdessen Naturgeräusche integrieren.

Auch Stille kann Musik in unseren Ohren sein, vor allem, wenn wir unser Bedürfnis nach Spiritualität stillen wollen. Mehrere Studien zeigen den positiven Effekt von Stille auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden auf. Es ist sogar belegt, dass nur zwei Minuten in Ruhe uns zutiefst entspannen lassen, und zwar in einem noch höheren Maße als mit Musik.

Weihnachtslieder singen
© Getty Images

Spiritualität und Achtsamkeit – ein und dasselbe?

Um die Frage gleich vorweg zu beantworten: Achtsamkeit und Spiritualität sind nicht dasselbe. Mit ersterem Begriff bezeichnen wir die aufmerksame Wahrnehmung dessen, was in einem bestimmten Moment geschieht. Spiritualität jedoch ist nicht auf unsere Wahrnehmung und nicht auf einen Moment beschränkt – sie bedeutet das innere, geistige Leben in uns und über unsere individuellen Grenzen hinaus.

Das Problem mit der Achtsamkeit ist die Verwestlichung der jahrtausendealten östlichen Praxis, um daraus Kapital zu schlagen. Der ehemalige buddhistische Mönch und aktive Dharma-Lehrer Santikaro spricht von McMindfulness (mindfulness = Achtsamkeit): Ebenso wie das Fast Food der US-amerikanischen Kette ist die neoliberale Version von Achtsamkeit schnell verfügbar, bequem und befriedigt ein unmittelbares Bedürfnis. Santikaros Auffassung nach wird sie gerne von Managern und Unternehmen eingesetzt, um noch mehr aus ihren Angestellten herauszuholen oder entsprechende Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen.

In ihrer ursprünglichen Form jedoch birgt die Achtsamkeit das Potenzial zu innerer Freiheit. Praktizieren wir sie richtig und aufrichtig, kann sie uns dabei helfen, unserem Ego zu entkommen. Auf diese Art und Weise kann sie uns den Weg zu gelebter Spiritualität ebnen.

Hier und jetzt

Achtsamkeit

In unserer Sammlung an Artikeln finden Sie mehr zu den Themen Achtsamkeit und Spiritualität, wie wir es schaffen im Hier und Jetzt zu leben, unseren Stress zu reduzieren und auch einmal Nein zu sagen.

Mehr erfahren

Meditationen zum Ende des Jahres

2020 war kein einfaches Jahr. Vielen Menschen fällt es auch im Hinblick auf die kommenden Monate schwer, neue Hoffnung zu schöpfen; schließlich befinden wir uns immer noch mitten in einer Pandemie, deren Ende nicht absehbar ist. In Zeiten anhaltender Unsicherheit ist es jedoch umso wichtiger, bei sich zu bleiben. Dies gelingt uns, indem wir das vergangene Jahr ebenso reflektieren wie das kommende.

Fragen zur Reflexion des Jahres 2020

  • Welche wichtige Lektion habe ich gelernt?
  • Was habe ich über mich selbst gelernt?
  • Welche Herausforderungen habe ich gemeistert?
  • Was ist das Beste, das mir passiert ist?
  • Wer oder was hat mich am stärksten beeinflusst?
  • Welche meiner Ressourcen hat sich als besonders nützlich erwiesen?
  • Was hat mir am meisten Energie gegeben?
  • Was habe ich nicht erledigt?
  • War ich gut zu mir selbst?
  • Wofür bin ich dankbar?

Fragen zur Einstimmung auf das Jahr 2021

  • Was nehme ich mir für dieses Jahr vor?
  • Wie werde ich mich um mich selbst kümmern?
  • Wie werde ich anderen helfen?
  • Wie kann ich meine Umgebung zum Positiven verändern?
  • Welche persönlichen Eigenschaften will ich stärken?
  • Wie werde ich aus Fehlern lernen?
  • Was möchte ich dieses Jahr ändern?
  • Was möchte ich beibehalten?
  • Welche Beziehungen möchte ich intensiver gestalten?
  • Was kann ich tun, um diesem Jahr Bedeutung zu schenken?

Der Soundtrack zum Jahreswechsel

Bei aller Beschäftigung mit dem Jahreswechsel sollten wir nicht vergessen, uns auch einfach mal zu freuen. Spiritualität lässt sich schließlich nicht auf stille Meditation beschränken, sondern kann ganz ausgelassen und fröhlich gelebt werden – mit Musik! Jede Kultur, jede Familie und jeder Mensch hat zwar einen ganz individuellen Musikgeschmack, doch es gibt immer ein paar Songs, auf die man sich verständigen kann.

Es gibt unzählige Lieder, die Sie mit der Familie, Freunden und Mitbewohnern hören oder singen können. Wenn Sie die Feiertage auf Distanz verbringen müssen, finden Sie andere Wege: Verbinden Sie sich beispielsweise über Video! „O Tannenbaum“, „O du fröhliche“ und andere traditionelle Lieder sind nicht nach Ihrem Geschmack? Lassen Sie sich von dieser Liste der 50 besten Weihnachtslieder inspirieren. Hier finden Sie Pop-, Rock- und Soul-Versionen beliebter Weihnachtsklassiker.

Das schönste Geschenk: Hören Sie Ihren Liebsten zu!

Gelebte Spiritualität ist Verbindung mit sich selbst, seinen Mitmenschen, der Welt. Begehen Sie den Jahreswechsel mit Ihren Liebsten, indem Sie gemeinsam Musik hören. Nehmen Sie sich aber vor allem Zeit, um einander zuzuhören. Gerade jetzt ist es wichtig, achtsam miteinander umzugehen und einander uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken.

Dabei ist ein gutes Gehör wichtig: Stellen Sie fest, dass Ihre Hörfähigkeit oder die eines Mitmenschen nachgelassen hat, nehmen Sie dies bitte nicht auf die leichte Schulter. Machen Sie online einen Hörtest und prüfen Sie, ob eine Hörlösung notwendig ist. MED-EL bietet Ihnen viele Möglichkeiten, Hörverlust entgegenzuwirken und sicherzustellen, dass Sie und Ihre Familie an allen Facetten des Lebens teilhaben können – auch im neuen Jahr!

MED-EL

Das schönste Geschenk

Klänge erfüllen unser Leben mit Emotionen und Vielfalt. Babys, die ohne Gehör auf die Welt kommen, oder Kinder, die eine Hörbeeinträchtigung entwickeln, könnten dies verpassen. Aber es gibt Hoffnung. Sogar bei vollständigem Hörverlust kann ein Cochlea-Implantat Zugang zur bewegenden Welt der Klänge schaffen.

Mehr erfahren
Schließen

Mehr aus der Sammlung Leben

Artikel

Videos

Verwandte Sammlungen

Mehr aus der Sammlung

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.