Portrait

„Nun höre ich auch meinen Mann schnarchen“ CI-Mama Valerie Pestinger über ihr Leben mit Hörimplantat

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Mai 2020
In der Sammlung Leben
Lesedauer: 4 Minuten

Dr. Valerie Pestinger wusste bereits als Teenager, dass es Cochlea-Implantate (CIs) gibt. Aber es war eine diffuse Angst, die sie davon abgehalten hat, sich auf Kopfhöhe CIs setzen zu lassen. Viele Jahre lang. Bis sich die promovierte Molekularbiologin, die in der Krebsforschung arbeitet, doch dazu entschied. Das war 2016. Es hat ihr Leben verändert.

Heute hat das Hören für Valerie etwas Selbstverständliches. „Ich muss mir immer wieder sagen, dass vieles, was ich jetzt als normal empfinde, keine Selbstverständlichkeit ist. Als die 35-Jährige Mutter einer sechs Monate alten Tochter erstmalig die Herztöne ihres Babys hörte, war sie überwältigt. „Es war ein unbeschreibliches Erlebnis, auch die Geburt, als ich zum ersten Mal den Schrei meines Kindes gehört habe“, sagt Valerie Pestinger, und fügt lachend in unserem Skype-Gespräch hinzu, dass sie jetzt auch ihren Mann schnarchen hören würde, das sei ein Nachteil. – Großes Gelächter auf beiden Seiten!

1984 erblickte Valerie in Frankfurt/Main das Licht der Welt. Im Alter von vier Jahren erkrankte sie an einer Meningitis, die zuerst fälschlicher Weise für eine Grippe gehalten wurde. Bis man gemerkt hat, dass es kein grippaler Infekt ist, war es zu spät, das Kleinkind wurde auf dem rechten Ohr ganz taub und auf dem linken Ohr hörgeschädigt.

Heute kann man sich gegen Meningitis impfen lassen, Ende der 1980er Jahre war das noch nicht der Fall. „Wir haben unsere Tochter sofort gegen Meningitis impfen lassen“, sagt Valerie, die dreißig Jahre lang mit einem Hörgerät für das linke Ohr durchs Leben gegangen ist. „Ich war auf einer normalen Schule, wo ich Abitur machte, meine Eltern unterstützten und förderten mich, wo sie nur konnten, zum Beispiel mit Logopädie“, so die junge Mutter, die sehr selbstverständlich unter Hörenden aufgewachsen ist.

Apropos Studium. Hier hat Valerie ihren zukünftigen Mann kennen gelernt, der ebenso wie die angehende Frau Doktor eine Promotionsstelle hatte. Ob es Stress war? Im dritten Jahr der Promotionsstelle erlitt die Naturwissenschaftlerin einen Hörsturz – und das Hörvermögen des linken Ohres verschlechterte sich immens. „Natürlich klammerte ich mich an mein Restgehör. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich immer weniger mitbekomme. Die Kollegen verstand ich nur noch bruchstückhaft, ich konnte nicht mehr telefonieren, ich musste für alles meinen Freund oder meine Eltern fragen, das Arbeiten wurde für mich unmöglich“, erzählt Valerie Pestinger, während die kleine Tochter auf ihrem Arm einschläft.

Letzten Endes sei es Trotz gewesen, „Ich hatte keine andere Chance mehr, außer CIs. Mein Vater sagte immer: ‚Sei froh, dass du noch etwas ausprobieren kannst‘.“ Und so entschied ich mich, gleich beide Ohren mit einem CI versorgen zu lassen. Hilfreich war hier, dass die Tochter eines Freundes meines Vaters eine bilaterale CI-Trägerin ist. Mit ihren Erfahrungen hat sie mich in meiner Entscheidung bestärkt, das war gut und wichtig. Denn bis dahin hatte ich keinen Kontakt zu betroffenen CI-Trägern, was ich rückblickend als Fehler betrachte.“

Im November 2016 ließ sich Valerie in der HNO der Uniklinik Mainz, die sie seit Kindheitstagen kannte, Cochlea-Implantate implantieren. Nur wenige Tage nach der Operation wurden diese eingeschaltet, es sollte offiziell nur ein Elektrodentest sein – und Valerie konnte hören. „Es war großartig, ich konnte sogar das Klicken eines Kugelschreibers hören!“, sagt Valerie, die außer Druckschmerz keine temporären Nebenwirkungen wie Geschmacksverlust oder Schwindel nach der OP hatte.

CI

Valerie ist Hörbotschafterin

Valerie weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer die Entscheidung für ein CI sein kann. Erst nach der eigenen Implantation, während der Rehabilitation, hat sie viele andere Menschen mit CIs kennengelernt. Den Austausch mit anderen findet sie sehr wichtig und möchte deshalb als Botschafterin ihre Erfahrungen teilen und Ängste nehmen.

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2019 kam ihr Wunschkind zur Welt. Ob Valerie nicht Ängste gehabt hätte, wie das ist, mit einem Kind und CIs, die Schwangerschaft, Baby-Hörscreening und alles, was danach kommt? „Überhaupt nicht“, sagt die selbstbewusste Mutter. „Abgesehen davon, dass es in keiner unserer Familien eine genetische Veranlagung zur Taubheit gibt und ich mein Gehör selber durch eine Krankheit verloren habe, weiß ich heute genau, was zu tun wäre, wenn meine Tochter unter Hörverlust leiden würde: Sie bekäme sofort Cochlea-Implantate. Das wichtigste ist, dass sich die Sprache normal entwickelt. Mir wurde immer gesagt, dass es mein Glück gewesen sei, dass ich bereits sprechen konnte, als ich einen Großteil meiner Hörfähigkeit verloren habe. Warten käme für mich nicht in Frage.“

Auch die Herausforderungen, die jede Mutter vor allem mit dem ersten Kind hat, sieht Valerie entspannt. Dazu gehört beispielsweise der Umgang mit technischen Hilfsmitteln. Für CI-Träger gibt es zwar einiges auf dem Markt, nicht aber für CI-Mamas, mit einer Ausnahme: „Speziell ist wirklich nur das Babyphone“, weiß Valerie, die in ihrem zusätzlichen Engagement als Hörbotschafterin Betroffenen und deren Angehörigen Mut zuspricht und auch ansonsten für einen Gesprächsaustausch offen ist.

Valerie mit Kinderwagen
Valerie geht in ihrer Rolle als Mutter auf. Angst vor Herausforderungen hat sie keine.
© Privat

Denn was Valerie, die mit ihrem Mann 2019 von Birmingham, England, wegen neuer beruflicher Perspektiven nach Hamburg gezogen ist, am meisten vermisst, ist eine CI-Mama Austauschgruppe. „Es gibt so viele Gruppen in sozialen Medien, aber für CI-Mamas habe ich noch nichts gefunden“. Sich einfach mal treffen, gemeinsam einen Kaffee oder Tee trinken, wenn wieder möglich, ganz relaxed als CI-Mama mit weiteren CI-Mamas durchs Leben gehen … „Das wär’s!“, sagt Valerie.

Endlich Wieder Hören

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HörbotschafterInnen sind Menschen, die über Hörverlust und dessen Folgen aufklären. Sie haben Erfahrungen mit verschiedenen Hörlösungen und können so aus erster Hand über das Leben mit Hörimplantat berichten.

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