Artikel

Ohren auf! Bühne frei für eine gute Selbstwahrnehmung

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: November 2019
In der Sammlung Leben
Lesedauer: 6 Minuten

Die kleine und simpel erscheinende Frage „Wer bin ich?“ ist ziemlich Bedeutsam in unserem Leben. Bereits Immanuel Kant stellte diese weltbewegende Frage in einem noch größeren Zusammenhang und fragte gleich „Was ist der Mensch?“ Ohne jetzt in philosophische Universen abzudriften, wollen wir bei der ersten kurz verweilen, einer Frage, die sich bereits Kinder stellen und die in der Psychologie unter dem Stichwort Selbstwahrnehmung eine große Rolle spielt.

„Wer bin ich?“

Thomas Leschig, der beruflich als Coach für seine Unternehmensberatungsfirma relations Unternehmensentwicklung mbH im deutschsprachigen Raum arbeitet, hat fast täglich damit zu tun. „Die Selbstwahrnehmung ist zum großen Teil der Filter für die Außenwahrnehmung“, sagt der diplomierte Psychologe, für den es neben einem genuinen Interesse zu seiner methodischen Ausbildung gehört zu erfassen, wie die Welt aus den Augen seines Gegenübers aussieht. „Jeder Mensch hat ein logisches System von Wahrnehmung und von Reaktion und es gehört zu meiner Aufgabe, in diesen Prozess meines Gegenübers hineinzukommen. Wichtig ist hierbei zu erfassen, welches Konzept der Mann oder die Frau von sich selbst haben. Denn Das Konzept von sich selbst entscheidet darüber, was man hört“, sagt Leschig.

An Führungskräfte stellt das laut Thomas Leschig hohe Anforderungen: „Was macht ein Mitarbeiter, dem ich etwas sage? Was hört dieser? Was hat meine Mitarbeiterin verstanden. Ist es konstruktiv, destruktiv, positiv? Führungskräfte müssen Fragen stellen, immer wieder rück koppeln, um herauszufinden was genau verstanden wurde. Darüber kommt ein Mensch zu einem anderen, auch zu neuem Hören, dann hat der Mensch die Chance zur Veränderung“, weiß der Unternehmensberater und Coach.

Der Hype um die Augen

„Wer bin ich?“ Viele Menschen, denen diese Frage bezüglich ihrer Sinneswahrnehmung gestellt wird, antworten mit „Ich bin ein Augenmensch“. Vielleicht liegt diese Selbstbeschreibung darin begründet, dass wir 80 Prozent aller Informationen visuell aufnehmen und mehr als 40 Teilbereiche unseres Großhirns mit Aspekten des Sehens zu tun hat. Oder auch, weil es diese Binsenweisheit gibt, dass Bilder mehr als 1000 Worte sagen sollen. Und der Erfolg von Plattformen wie Instagram oder Pinterest, in denen es vor allem darum geht, Bildermärchen von sich und der Welt mit wenig Text zu posten, scheint dem recht zu geben.

Das Auditive, so hat es den Anschein, spielt in der Sinnenhierarchie eine eher untergeordnete Rolle. Jedenfalls wird diesem nicht die Wichtigkeit beigemessen, wie dem Sehen. - Und das hat einen kulturellen Hintergrund. Doch rollen wir das Feld erstmal mit Altbekanntem auf: Der Mensch hat fünf Hauptsinne, die ganz verschiedene Sinneseindrücke verarbeiten und uns ermöglichen, wahrzunehmen: Hören. Sehen. Riechen. Schmecken. Fühlen. Bei allen fünf Sinnen wird jeweils ein anderes Organ beansprucht. Die Schaltzentrale, der Supercomputer hierfür, ist unser Gehirn. Unsere Sinnesorgane und damit die Sinne entwickeln sich bereits im Mutterleib. Dabei ist der Tastsinn der erste, der sich in der achten Schwangerschaftswoche beim Menschen im Werden, dem Embryo, entwickelt. Gefolgt vom Hörsinn, Sehsinn sowie den Sinnen, die für Geschmack und Geruch verantwortlich sind.

Obgleich wir Menschen also mit fünf wunderbaren Hauptsinnen ausgestattet sind, die sich alle gegenseitig ergänzen, gibt es diesen großen Hype ums Sehen, der gar darin gipfelt, dass nur das, was man sehen kann, als glaubwürdig gilt.

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen haben in einem bahnbrechenden, weltweiten Experiment mit 20 unterschiedlichen Kultur- und Sprachgruppen herausgefunden, dass es von der Kultur abhänge, „welche Sinneseindrücke dominant und eng mit Sprache verknüpft sind und welche nicht“, heißt es in „Die Hierarchie der Sinne“ auf wissenschaft.de. Mit dem Experiment konnten die Wissenschaftler eine seit der Antike lang gehegte Annahme widerlegen, die besagt, dass es einen kulturellen Stellenwert der Sinnesorgane gäbe und dass dabei das Sehen an erster Stelle stehen würde. Platon, Aristoteles & Co. wird diese Erkenntnis zwar nicht schmecken, doch es ist gut, dass dieses Thema endlich auf den Tisch kommt. Besser spät, als nie.

Das Sinnesmodell von René Descartes
René Descartes war schon überzeugt davon: „cogito ergo sum“ - „Ich denke, also bin ich.“ Wie Gedanken und Körper, Sinneswahrnehmung und Selbstwahrnehmung zusammenspielen spielte also schon im 17. Jahrhundert eine große Rolle.
© Wikimedia

Ohren gut, alles gut

Abgesehen von dieser Erkenntnis fanden sie heraus, dass bei Englisch sprechenden Kulturen wie US-Amerikanern und Briten der Sehsinn dominant vertreten ist, gefolgt vom Gehör, Geschmack, Tastsinn und als letztem dem Geruch. Verwundern kann das nicht wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass wir eine Film-, Entertainment- und generell Kulturindustrie haben, die US-amerikanisch geprägt ist. Und die wir getrost als „bildlastig“ bezeichnen können. Damit scheinen die Briten und die US-Amerikaner wohl noch immer unbewusst von den Griechen und deren Ideal beeinflusst zu sein.

Dabei steht doch schon im Alten Testament, dass man sich kein Bildnis machen solle. Überhaupt ist interessant zu wissen, dass das Judentum nicht das Bild und damit das Sehen, sondern das Hören zu seinem grundlegenden Selbstverständnis zählt, welches sich auch in seinem Glaubensbekenntnis Schma Jisrael, „Höre, Israel“, niederschlägt. Ebenso gibt es in westafrikanischen Kulturen noch immer berufsmäßige Dichter und Geschichtenerzähler, die durch mündliche Überlieferung traditionelles Wissen weitergeben und damit dem Auditiven eine große Bedeutung geben.

Damit wird deutlich: Echtes Storytelling lebt nicht von vorgefertigten Bildsprachen, sondern von echten Erzählungen und Zuhörenden. Ein Trend, der sich übrigens auch in Deutschland ausbreitet: Podcasts und Audiobooks boomen. Die Menschen hören endlich wieder mehr zu.

Orientierung als Zusammenspiel der Sinne

Wer bin ich? Wo bin ich, und was geschieht gerade in diesem Augenblick? Wir sehen, dass diese kleine Frage eine große ist. Es sind unsere Sinneseindrücke, die uns helfen diese Frage zu beantworten und die Orientierung zu behalten. Dazu gehört ebenso, den Körper in Balance zu halten, zu wissen, wo oben, unten, rechts und links ist. Es sind unsere Sinneseindrücke, die darüber entscheiden, wie ich – wenn auch zumeist unbewusst – die Welt wahrnehme. Auch dafür müssen alle Sinne zusammenspielen, Studien beweisen jedoch auch, dass wenn ein Sinn ausfällt, die anderen mit Kompensationsarbeit eintreten.

Wie wichtig dabei vor allem das Hören ist, darf dabei nicht unterschätzt werden. Und zwar unabhängig davon, ob man noch in der Ausbildung ist, voll im Berufsleben steht oder bereits als Silver Ager sein Leben aktiv genießt. Bei Hörverlust oder Hörstörungen droht nicht nur eine verzerrte Selbstwahrnehmung und damit auch Fremdwahrnehmung, sondern soziale Isolation.

Wer schwer hört, hat nicht nur Probleme, mit anderen zu kommunizieren und im Alltag gut zurechtzukommen. Schwerhörigkeit erhöht das Demenzrisiko um das Zwei- bis Fünffache und der Versuch des Gehirns, die Schwerhörigkeit auszugleichen, beeinträchtigt andere Hirnfunktionen durch die dauerhafte kognitive Belastung. Abhilfe schaffen hier moderne Hörlösungen wie diejenigen von MED-EL, die damit auch das Gehirn entlasten.

Zurück im Leben

Das weiß auch die Marketing-Spezialistin Brigitte Wilke. Die Mutter von zwei Schulkindern nahm ihre Erkältung vor drei Jahren auf die leichte Schulter und ging weiter Arbeiten. „Ich habe Hörprobleme bekommen und das auf den allgemeinen Stress geschoben, den ich als alleinerziehende, arbeitende Mutter habe“, sagt die 48-Jährige. Heute weiß sie, dass diese Einschätzung ein großer Fehler war. Seit einem Jahr trägt Brigitte Wilke ein Hörgerät – und lässt sich Coachen. „Ich muss das Hören neu lernen, dazu gehört nicht allein der Umgang mit dem Hörgerät und den Geräuschen, die durch meinen Kopf donnern, sondern auch meine Selbstwahrnehmung“, sagt Brigitte Wilke, die mit ihrem Schicksal Frieden geschlossen hat. „Ich will nicht nur für meine Kinder da sein, die mich noch brauchen, sondern auch für Freunde und für meine neue Arbeit. Ich bin zurück im Leben.“

Gehör

Wie funktioniert unser Hörsinn?

Das Hören ist ein komplexer und faszinierender Vorgang. Wie spielen unsere Ohren und unser Gehirn zusammen, damit wir die Welt um uns herum hören können? Die Antwort dazu finden Sie auf medel.com.

Mehr erfahren
Schließen

Mehr aus der Sammlung Leben

Artikel

Videos

Verwandte Sammlungen

Mehr aus der Sammlung

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.