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Sommerferien Warum Kinder Urlaub brauchen

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Juli 2020
In der Sammlung Familie & Freunde
Lesedauer: 6 Minuten

Endlich Sommerferien! Vom lateinischen feriae (Festtage, Ruhetage) stammend steht der Begriff Ferien laut Duden für eine mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende Arbeitspause einer Institution wie etwa der Schule – oder einfach Urlaub. Erwachsene nutzen die freie Zeit, um von der Arbeit auszuspannen und die Energiereserven aufzufüllen. Doch auch Kinder brauchen die Ferien, um sich zu erholen und weiterzuentwickeln.

Stressiger Kinderalltag

Kinder gehen in vielen Ländern bis zu einem bestimmten Alter zwar keiner regelmäßigen Erwerbsarbeit nach, doch auch sie benötigen in regelmäßigen Abständen Ferien. Immerhin sind Kita und Schule ebenfalls mit Arbeit verbunden: In beiden Einrichtungen müssen Kinder Termine wahrnehmen, sich an Regeln halten, sich konzentrieren und Leistung erbringen. Im sozialen Miteinander müssen sie Kompromisse eingehen, mal nachgeben, mal sich durchsetzen.

Hinzukommt die permanente Geräuschkulisse, denn in Klassenzimmern herrscht ein Schallpegel von durchschnittlich 65 Dezibel – bereits ab 55 Dezibel spricht man von Lärmbelästigung. Diese hinterlässt physische und psychische Spuren selbst bei Kindern mit gutem Gehör; ihre Leistung nimmt mit zunehmendem Geräuschpegel ab. Kinder mit Hörverlust sind noch stärker betroffen. Nicht nur müssen sie die Dauerbeschallung aushalten, sie haben bei steigendem Lärm größere Schwierigkeiten, wichtige akustische Informationen aus dem Tohuwabohu herauszufiltern.

Für alle Kinder gleichermaßen gilt: Stress über einen längeren Zeitraum hinweg wirkt sich negativ auf ihre Gesundheit aus. Manche klagen über Bauchweh oder Kopfschmerzen, andere haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren oder ein- und durchzuschlafen. Während die einen an Appetit- und Antriebslosigkeit leiden, reagieren die anderen mit Gereiztheit auf Stress.

Wie viel Ferien braucht ein Kind?

Ferien sind deshalb weltweit ein fester Bestandteil des Schullebens, wobei die Länge der sommerlichen Erholung zum Teil stark variiert. Gewähren manche Schweizer Kantone den Schülerinnen und Schülern nur drei Wochen, so dürfen sich italienische Kinder auf ganze drei Monate Hitzefrei freuen. In Deutschland dauern die Sommerferien sechs bis sieben, in Österreich neun und in den USA acht bis zwölf Wochen.

Für Kita-Kinder gibt es in Deutschland keine einheitliche Regelung und die Schließzeiten der Einrichtungen unterscheiden sich. Beträgt die Schließzeit nur eine Woche, dürfen Eltern ihre Kinder dennoch zu Hause lassen und mit ihnen verreisen – viele verzichten jedoch darauf, was sich für die Kinder als Nachteil erweisen kann. Deshalb rufen Pädagogen, Ärzte, Bildungsminister und Institutionen wie der Kinderschutzbund pünktlich vor den Sommerferien immer wieder dazu auf, den Kindern Urlaub von der Kita zu ermöglichen.

Ein wichtiger Bestandteil ist dabei der Familienurlaub. Wie lange eine entspannende Auszeit vom Alltag wirklich dauern soll, darüber konnte die Wissenschaft bis jetzt keine eindeutigen Aussagen treffen. Ein längerer Urlaub bietet zwar mehr Zeit zum Abschalten. Doch auch ein Kurztrip weckt die Lebensgeister und verhilft zu neuer Energie. Da feststeht, dass der Erholungseffekt bereits nach der ersten Stressphase wieder verpufft, empfehlen manche Forscher, mehrere kurze Urlaube pro Jahr zu planen.

2012 wurde im Journal of Happiness Studies ein Beitrag veröffentlicht, der auf eine Mindesturlaubsdauer hindeutet: Das Team um die Wissenschaftlerin Dr. Jessica de Bloom von der finnischen Universität Tampere fand heraus, dass das Wohlbefinden am achten Tag der Ferien einen Höhepunkt erreicht und danach zwar nicht notwendigerweise abnimmt, sich aber auch nicht steigert. Daraus lässt sich schließen, dass ein Urlaub mindestens acht Tage dauern sollte, um wirklich regenerativ zu sein.

Urlaub – die schönste Zeit im Jahr

Doch was genau macht das wohlige Urlaubsgefühl aus und welchen Effekt hat es auf Kinder? Ein entscheidender Faktor ist die scheinbar endlose Zeit, die Kinder mit ihren Eltern und Geschwistern verbringen können. Im gemeinsamen Urlaub wird ihnen im besten Fall ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt. Das Gefühl, wahrgenommen zu werden und die Gewissheit, dass die Familie sich an ihnen und der gemeinsamen Zeit erfreut, stärkt das kindliche Selbstbewusstsein und die Eltern-Kind-Beziehung ungemein.

Der britische Psychologe Oliver James beschäftigt sich mit dem langfristigen Effekt von Familienurlauben. Ihm zufolge begeistert Kinder am Urlaub besonders die Gelegenheit, über einen längeren Zeitraum einen spielerischen, also zweckbefreiten Umgang mit ihren Familienmitgliedern zu pflegen. Er betont, wie sehr Kinder gemeinsame Urlaube schätzen, und zwar nicht nur für den Moment, sondern lange darüber hinaus. Dies bestätigt auch eine Studie der britischen Family Holiday Association aus dem Jahr 2015: 49 Prozent der Studienteilnehmer identifizierten die Erinnerung an einen Familienurlaub als schönste ihres Lebens. Ein Drittel der Befragten konnte sich klar an Urlaube während der Kindheit erinnern und ein Viertel gab an, mithilfe von diesen Erinnerungen schwierige Phasen besser überstanden zu haben.

Das Gehirn macht keine Ferien

Neben der Zeit mit der Familie ist für Kinder aber auch die freie Zeit in den Sommerferien ausschlaggebend für Gesundheit, Wohlbefinden und Entwicklung. Hausaufgaben gibt es nicht, Termine ebenso wenig, die Zeit gerät in Vergessenheit. Vielleicht kommt sogar Langeweile auf – und das ist nur zu hoffen! Denn nichts bietet eine vergleichbare Chance auf Selbstbestimmung und Kreativität wie die Langeweile, oder wie Friedrich Nietzsche es formuliert hat:

„Für den Denker und für alle erfindsamen Geister ist Langeweile jene unangenehme ,Windstille‘ der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht.“

Friedrich Nietzsche

Spielen und suchen

Obwohl Pausen für Kinder wichtig sind, um Erlerntes zu verarbeiten und einfach mal nichts tun zu müssen, entsprechen Ferien aber keineswegs Stillstand. Auch während des Familienurlaubs entwickelt sich das kindliche Gehirn weiter, wie die britische Kinderpsychologin Dr. Margot Sunderland in einem Artikel für die britische Zeitung The Telegraph anschaulich erklärt.

Während eines Familienurlaubs werden im limbischen System des Gehirns zwei von Dr. Jaak Panksepp identifizierte Netzwerke aktiviert: das play system (Spiel) und das seeking system (Suche). Ersteres reagiert auf sinnliche Erfahrungen, zum Beispiel das Gefühl von Sand zwischen den Zehen oder den Klang der Natur, Letzteres wird beim Erkunden einer neuen Umgebung trainiert. Sobald diese beiden Systeme aktiviert sind, schüttet das Gehirn Glückshormone aus, wie etwa Oxytocin und Dopamin. Diese Stoffe wiederum lassen den Stresspegel sinken und fördern das Wohlgefühl. Dabei verhalten sich die Systeme play und seeking ähnlich wie Muskeln: Je regelmäßiger und intensiver sie trainiert werden, desto schneller wird das zugrunde liegende Verhalten zur Gewohnheit und die resultierenden Emotionen und Fähigkeiten werden zu einem integralen Bestandteil der Persönlichkeit.

Kinder lieben es Neues zu entdecken
Das seeking system (Suche) wird im limbischen System des Gehirns beim Erkunden einer neuen Umgebung aktiviert und trainiert. Sobald das System aktiviert ist, schüttet das Gehirn Glückshormone aus.
© Getty Images

Lernen ohne Leistungsdruck

Kinder lernen in den Ferien also automatisch, sofern sie Gelegenheit haben, in einem positiven, bereichernden Umfeld zu spielen und ihre natürliche Neugierde zu stillen. Unter bestimmten Bedingungen kann es jedoch auch sinnvoll sein, in den Sommerferien Zeitblöcke für zielorientiertes Lernen zu reservieren. Der beste Grund ist natürlich, wenn ein Kind aus freien Stücken an etwas arbeiten möchte. Möglicherweise besteht aber auch Nachholbedarf; während des Corona-Lockdowns beispielsweise konnte der geplante Stoff vielleicht nicht ganz durchgenommen werden. Es spricht nichts dagegen, Kinder in den Ferien lernen zu lassen – jedoch ohne Leistungsdruck und mit kreativen Ansätzen. Eltern sollten in jedem Fall darauf achten, dass mindestens die Hälfte der Ferien frei bleibt, damit die Kinder genug Zeit für Familie und Freizeitaktivitäten haben.

Hörtraining nicht vergessen!

So wichtig Erholung und neue Erfahrungen in den Sommerferien auch sind: Kinder mit einem Cochlea-Implantat sollten ihr Hörtraining auch während der freien Zeit fortsetzen. Nur regelmäßige Übung hilft, die Hörfähigkeit zu steigern. Während Erwachsene durchschnittlich maximal zwölf Monate benötigen, dauert das Hörtraining für Babys und Kleinkinder einige Jahre. Eine mehrwöchige Pause würde den Fortschritt nicht nur aufhalten, sondern die Kinder in ihrer Hörentwicklung zurückwerfen.

Dennoch muss das Hörtraining keine lästige Pflicht sein, sondern kann großen Spaß machen. Die Freude am Lernen ist ausschlaggebend für den Erfolg der Reha, weshalb MED-EL zahlreiche Materialien bereitstellt, mit denen Eltern ihren Kindern Freude am Hören und Sprechen vermitteln können. Der Großteil der Übungen steht zum Download bereit und kann problemlos mit in den Urlaub genommen werden. Damit auch sonst nichts Wichtiges vergessen wird, gibt es hier eine Checkliste für das Reisen mit Cochlea-Implantat. Jetzt bleibt nur noch zu wünschen: Schöne Ferien!

Gehör

CI-Therapieübungen für die Reise

Reisen mit der Familie macht Spaß und ist besonders für die Kleinen sehr wichtig! Wenn Ihr Kind ein Cochlea-Implantat trägt, bieten bereits die Reisevorbereitungen eine hervorragende Gelegenheit, um das Hör- und Sprechvermögen Ihres Kindes zu trainieren. Der MED-EL Blog hat einfache CI-Therapieübungen zusammengestellt, die Ihnen dabei helfen sollen.

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