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Tri Tra Trallala
Über die Bedeutung von Musik für Kinder und ihre Entwicklung

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 03.01.2018
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 5 Minuten

Wenn Kinder Musik machen, ist alles in Bewegung: Beine, Arme, Bauch – und Hirn. Musik tut Kindern rundum wohl, lässt sie selbstsicher werden, klug und kreativ. Daher hat sie auch einen besonderen Stellenwert in der Rehabilitation von Kindern mit Hörimplantat.

Musik

ist schon lange vor der Geburt da. Ganz ohne unser Zutun. Ein Embryo kann etwa ab Mitte der Schwangerschaft hören – und hört eine ganze Menge. Unser Leben beginnt in einer rhythmischen Umgebung: Das Baby nimmt sämtliche Töne der Mutter wahr. Ihre Stimme, das Glucksen im Bauch, das Rauschen des Blutes, ihr klopfendes Herz. „Rhythmus ist die Grundlage. Ohne den Herzschlag gäbe es kein Leben”, sagt Rolf Grillo, Gründer des Instituts für Rhythmik und Percussion in Freiburg im Breisgau.

Besonders Kinder brauchen Rhythmus, Melodie, Spiel und Tanz, weil sie darüber ganz ohne Anstrengung lernen. Leben lernen. „Die Freude am gemeinsamen Singen und Bewegen stärkt das Gemeinschaftsgefühl und die Persönlichkeitsentwicklung”, erklärt die Musikpädagogin, -therapeutin und Autorin Sabine Hirler.

„Kinder haben das elementare Bedürfnis, Inhalte gleichzeitig durch Musik und Bewegung zu erleben, zu gestalten und mit allen Sinnen zu lernen”, sagt Hirler. Bewegungs- und Musikerziehung werden daher am besten gemeinsam vermittelt. Umgesetzt wird dieser Leitsatz zum Beispiel im Musikgarten-Konzept, bei der elementaren Frühpädagogik oder der Rhythmik. Sie alle beziehen Klang- und Rhythmusinstrumente ein; dazu verschiedene Dinge des Alltags, wie Tücher und Bälle. Die Kinder singen, spielen, tanzen, hören Geschichten, schwimmen auf Klangwellen, klettern auf Tonleitern. Ganz ohne Leistungsdruck und Stress.

Das erste Instrument

Kinder profitieren von Musik. Wann aber ist der richtige Zeitpunkt, um ein Instrument zu lernen?

„Bevor man einem Kind ein Instrument nahe bringt, muss erst einmal die Freude am Musizieren entzündet werden”, sagt Rolf Grillo, Gründer des Instituts für Rhythmik und Percussion in Freiburg im Breisgau. „Das Kind sollte gemeinsam und lustvoll mit anderen Kindern die Welt der Musik entdecken. Wenn es um die Wahl des Instruments geht, empfiehlt es sich, Kinder verschiedene Instrumente ausprobieren zu lassen. Der Impuls zu einem Instrument sollte vom Kind selbst kommen.” Meistens ist es etwa im Schulalter so weit.

Sprechen lernen mit Musik

Musik ist eine große Lehrmeisterin. Sie fördert die Kinder, während sie wachsen: Musizieren hilft ihnen beispielsweise, die Tonhöhe und -dauer in einer Melodie zu unterscheiden und einfache Rhythmen zu klatschen. Musik und Bewegung fördern das Zusammenspiel der Sinne, etwa des Gleichgewichtssinns. Auch der Lagesinn wird gestärkt. Gemeint ist damit die Fähigkeit von Rezeptoren in den Muskeln und Sehnen, uns über unsere Lage im Raum zu informieren. Das Zusammenspiel der Sinne – die so genannte sensorische Integration – ist eine der wesentlichen Grundlagen der Sprachentwicklung: Indem ein Kind seine Umwelt mit allen Sinnen erfährt, erwirbt es Vorstellungen von Gegenständen, verfeinert und verinnerlicht diese und symbolisiert sie durch Worte. Der erste Schritt zum abstrakten Denken.

Heute weiß man, dass Melodien vermehrt die rechte Gehirnhälfte und Rhythmen die linke Gehirnhälfte ansprechen. Kinder, die mit Spielliedern groß werden, vernetzen die beiden Hirnhälften miteinander. Das macht kreativ und fördert das Lernen und Erinnern. Die rechte Gehirnhälfte ist für künstlerische und intuitive Tätigkeiten und die Raumorientierung verantwortlich, die linke Gehirnhälfte hauptsächlich für das analytische Denken und fürs Sprechen. Gesprochener Rhythmus unterstützt zudem die Fähigkeit zur Silbentrennung und beugt damit Legasthenie vor.

Gruppenaktivitäten und Rollenwechsel wirken positiv auf die soziale und emotionale Intelligenz. Experimentieren und Improvisieren steigern die Kreativität und fördern damit die Selbstwahrnehmung und Persönlichkeitsentwicklung.

Darüber hinaus sind Kinderlieder, Sprach- und Bewegungsspiele Teil einer bestimmten Kultur und verankern Kinder darin.

Die Seele singt mit

Mit der Kultur eng verbunden ist der Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe. Daraus entstehen Geborgenheit, Zuneigung und Liebe. Bei Gefühlen wie diesen spielen körperliche Vorgänge eine wesentliche Rolle – und diese Vorgänge werden auch durch Musik hervorgerufen. Konkret durch Singen: Singen führt zu einer erhöhten Produktion des Bonding-Hormons Oxytocin, das Gefühle von Vertrauen und Geborgenheit auslöst. Auf hormoneller Ebene baut Singen auch Stresshormone ab und hemmt die Ausschüttung des Aggressionshormons Testosteron. Durch die intensive Atmung wird die Sauerstoffversorgung erhöht und der Kreislauf belebt. Außerdem steigert Singen die Abwehrkräfte: Eine Studie der Johann-Wolfgang-Universität Frankfurt am Main zeigte, dass die Immunglobulin-A-Konzentration nach dem Singen signifikant steigt. Immunglobulin-A ist ein Antikörper, der eine wichtige Abwehrbarriere gegen Krankheitserreger bildet.

Dieser Effekt konnte allerdings nur beim aktiven Singen nachgewiesen werden, nicht beim Musikhören. „Ich breche eine Lanze für das aktive Musizieren”, sagt Rhythmiker Rolf Grillo: „Hören ist zu rezeptiv. Beim Hören wirst du nicht aktiv, und das ist die Crux unserer Zeit, dass viel zu viel, auch Musik, konsumiert wird.”

Mädchen mit Gitarre
Musik hören allein reicht nicht. Selbst aktiv werden: Darauf kommt es an.
© Getty Images

Musik macht schlau

Nicht nur Körper und Seele werden von Musik positiv beeinflusst. Musizieren fördert auch das logische Denken: Im Rahmen einer Langzeitstudie an Berliner Grundschulen unter der Leitung von Hans Günther Bastian stellte sich heraus, dass der Intelligenzquotient der Kinder nach vier Jahren erweiterter Musikerziehung explosiv und signifikant anstieg. Außerdem neigten die Schüler der Versuchsgruppe weniger zu Aggressivität als Schüler der ­Kontrollgruppe. Auch die Integration nicht deutschsprachiger Kinder war leichter und unproblematischer.

Musik beeinflusst so gut wie alle Vorgänge im Körper positiv. ­­­ Daher sind sich Experten einig, dass es wichtig ist, Kinder und ­Musik zusammen zu bringen. „Je früher Kinder mit Musik in Kontakt kommen, desto besser”, sagt Rolf Grillo. „Aber es ist nie zu spät.” Wichtig ist, dass Stress und Leistungsdruck beim Musizieren keine Rolle spielen. Denn Musik macht einfach Spaß.

Kinder mit Hörimplantat: Musik trainiert das Gehirn

Bei schwerhörigen und tauben Kindern kann ein Cochlea-Implantat (CI) den Hörsinn ersetzen. Cochlea-Implantate sind kleine Hörprothesen, die operativ in die Hörschnecke, die Cochlea, eingeführt werden.

Um mit Implantat gut zu hören, muss das Gehirn nach der Operation trainiert werden. Musik ist ein wichtiger Teil dieser Rehabilitation. „Um das CI zu integrieren, müssen neue Nervenbahnen etabliert werden. Musik unterstützt die Ausbildung neuer Bahnen und ist deshalb ein sehr geeignetes Medium”, erklärt Donna Sperandio, Leiterin der Abteilung für Rehabilitation beim Hörimplantate-Hersteller MED-EL.

Stephen Jay
Musik fördert das Wachstum von Nerven­bahnen im Gehirn. Das ist vor allem für Kinder mit CI wichtig.
© Stephen Jay

Musik sorgt bei Kindern mit CI auch für eine natürliche Aussprache: Wenn wir Musik wahrnehmen, aktivieren sich das Broca- und das Wernicke-Areal im Gehirn. Beide sind für die Sprachverarbeitung und -produktion zuständig. Beim Singen wird der Sprachrhythmus überbetont, was Kinder darin unterstützt, eine natürliche Sprachmelodie zu entwickeln. Auch Erinnern fällt mit Musik leichter. Wer sich mehrere Liedstrophen merkt, trainiert sein Erinnerungsvermögen und lernt damit, längere Sätze zu bilden.

Einer der wesentlichsten Aspekte beim gemeinsamen Musizieren von Eltern und Kind aber ist die Bindung der Eltern an das Kind – und umgekehrt. Die Familie wächst zusammen. Nach der Diagnose „Hörverlust” ist das besonders wichtig.

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