Artikel empfohlen

Übersinnlich bewegt Durch Klänge, Musik & Emotionen

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Juli 2019
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 5 Minuten

Unbedeutende Erlebnisse, die Monate oder Jahrzehnte zurückliegen, werden entweder vergessen oder überleben als fahle Erinnerungen. Ganz anders verhält es sich mit emotionalen Erlebnissen wie einer Hochzeit, einer Prüfung, einem tiefen Verlust – oder einer Geburt. Hier werden Botenstoffe ausgeschüttet, die das Gedächtnis und damit die Erinnerung und Emotionen stärken.

Das schreit förmlich nach Gänsehaut

Es ist das deutliche Lebenszeichen, auf das alle Mütter und Väter warten: Der erste Schrei ihres neugeborenen Kindes. Der Schrei nach Leben, mit dem das Kind automatisch nach Luft schnappt, damit sich die Lunge entfaltet und sich der Kreislauf außerhalb des Mutterliebs einstellt. „Der Schrei meiner Töchter war das Schönste auf Erden, was ich an ihren jeweiligen Geburtstagen in meinem Leben gehört habe“, erinnert sich die Düsseldorferin Saskia Hensel an dieses beglückende Moment.

„Später gab es aber doch Situationen, die mich an den Rand des Wahnsinns gebracht haben, wenn Lara, das ist die ältere der zwei Mädchen, nicht aufhörte, zu schreien, und das über Stunden“, gibt Saskia Hensel unumwunden zu. Lara, die heute ein fröhlicher Teenager ist, war als Baby das, was unter dem Begriff „Schreibaby“ bekannt ist. „Noch heute spüre ich, wie mir eine Art Schauer über den Rücken läuft, ich spüre die Verzweiflung, die mein Mann und ich hatten, unsere Hilflosigkeit, wenn ich an diese Zeit zurückdenke.“

Die Wucht der Gefühle

Ob der Schrei eines Kindes, der frühe Gesang der Vögel, die Baustelle vor der eigenen Haustür oder auch generell Musik – jeder Klang, den wir wahrnehmen, setzt sich in uns fest, geht ins Gehirn, ruft Emotionen hervor, kann diese sogar aufwühlen, beruhigen oder motivieren, je nachdem. Klänge und Lieder haben einen direkten Einfluss auf unsere Physiologie und bringen unsere Hormone in Bewegung. Sie ändern unseren Herzschlag und unseren Puls, und selten sind wir uns dessen bewusst, wie tiefgehend das ist.

Die Musik sei dabei die Kunst, „die den Tränen und Erinnerungen am nächsten ist“, sagt der berühmte Literat Oscar Wilde. Und Erinnerungen haben immer etwas mit Gefühlen zu tun, Tränen sind ein sichtbarer Ausdruck. Tränen der Freude, wie auch Tränen der Trauer, Tränen des Leids, der Verzweiflung oder auch der Wut. Dabei ist es gerade die Musik, die in der Lage ist, Erinnerungen – und damit Gefühle – in uns zu wecken. Wir hören nur ein paar Töne – und schon reisen wir gedanklich in die Zeit zurück.

Musik
© Explore Life

Auf der Suche nach Erinnerung

Musikerkennungsprogramme wie Shazam, Musipedia oder Midomi haben das übrigens zu ihrem Geschäftsmodell gemacht. Denn wie häufig kommt es vor, dass man eine Melodie nicht mehr aus dem Kopf bekommt, und niemand im Freundes- und Bekanntenkreis einem helfen kann, herauszufinden, von wem der Rock-, Pop- oder Jazz Song stammt – oder auch das Klassikstück von diesem „wie heißt der nochmal?“.

Bei Midomi, beispielsweise, braucht man den musikalischen Ohrwurm 10 bis 30 Sekunden singen oder summen. Auf der Ergebnisseite werden folgend die Songs vorgestellt, die wahrscheinlich gemeint sind. Sowohl Midomi, Musipedia wie auch Platzhirsch Shazam erzielen tolle Ergebnisse. Vor allem erfreuen sich die Musikerkennungsprogramme einem Millionenpublikum. Es muss also etwas dran sein, an der Geschichte, dass Musik Erinnerungen erweckt. – Und Menschen sich auf die Suche nach dieser Erinnerung begeben. Denn: viele Lieder sind verknüpft mit Personen, Orten und Erlebnissen.

„Musik ist eine der wichtigen Möglichkeiten, Bindungen und Verbindungen mit Menschen herzustellen, was zur genetischen Ausstattung gehört,“ sagt Werner Stangl.

Töne, Klänge und Musik wecken Erinnerungen, aber warum?

„Zunächst einmal kann sich Musik leicht im Gedächtnis einnisten. Der Grund liegt in ihrer Komplexität. Wenn wir Musik hören, ist beinahe das gesamte Gehirn beteiligt. Es muss die Melodie verarbeiten, den Rhythmus, die Tonhöhe. Lieder verfügen also über verschiedene Anker, die in unserem Gedächtnis festmachen können“, schreibt Buchautor Daniel Rettig in Die guten alten Zeiten.

Wichtig ist natürlich, dass wir die Musik überhaupt wahrnehmen. „Für Physiker bestehen Klänge nur aus Schwingungen. Die entstehen, weil Musik den Luftdruck verändert. Diese Schwingungen wandern durch das Ohr zum Trommelfell und weiter zum Hörnerv im Innenohr. Dort warten 3500 Haarzellen auf ihren Einsatz. Sie verwandeln den Ton in Nervenimpulse“, erklärt Rettig.

Wie wir hören

Wie funktioniert Hören?

Das Hören ist ein komplexer und faszinierender Vorgang. Erfahren Sie, wie unsere Ohren und unser Gehirn zusammenarbeiten, damit wir die Welt um uns herum hören können.

Mehr erfahren

Ein musikalisches Belohnungssystem

Was Musik in unserem Gehirn genau auslöst, ist wissenschaftlich noch immer nicht eindeutig geklärt. Aber es gibt Hinweise. So lieferten Neuropsychologen und die kanadische Psychologin Isabelle Peretz einen interessanten Hinweis.

Im Jahr 1998 präsentierten diese eine 40-jährige Frau, die zehn Jahre zuvor am Hirn operiert worden war. Es war ein heikler Eingriff, den die Frau gut zu überstanden haben schien. Sie bestand den Intelligenztest, sie bestand die Gedächtnisübungen und Sprechen konnte sie ebenso. Aber: Die Patientin hatte Probleme mit der Musik!

Sie konnte keine Melodien wiedererkennen, war nicht in der Lage, zwischen Musikstücken zu unterscheiden – und sie konnte nicht mehr als einen Ton singen. Die Psychologin Isabelle Peretz fand heraus, dass in beiden Hirnhälften Teile der Schläfenlappen beschädigt waren. Der Gyrus temoporalis superior sowie des des Gyrus frontalis inferior, dessen Nervenzellen beim Hören eine Rolle spielen.

Das war der erste Hinweis darauf, dass die Schläfenlappen nicht nur dafür zuständig sind, Erinnerungen zu formen und zu wecken. Sondern auch dafür, Musik, Töne, Klänge, Geräusche wiederzuerkennen.

Was zuerst nur als Vermutung galt, wurde wenige Jahre später von den kanadischen Neurologen Anne Blood und Robert Zatorre bestätigt: „Die Musik bedient sich neuronaler Belohnungs- und Emotionsmechanismen“, schrieben die beiden Wissenschaftler, nachdem sie Versuche mit gesunden Menschen gemacht hatten.

Und jetzt kommt’s! Diese Mechanismen sind auch bei Essen, Sex, gar bei Drogenkonsum aktiv. Und deshalb fühlen wir uns so wohl, wenn wir unsere Lieblingslieder hören. Und damit in Erinnerungen schwelgen und uns in eine besondere Stimmung versetzen.

Übersinnliche Musik

Das menschliche Gehirn ist ein Wunder. Dabei gelten die Ohren laut dem berühmten HNO-Arzt und Therapeuten Alfred Tomatis (1919 – 2001) als grundlegend in der embryonalen Entwicklung für den Eintritt in den „menschlichen Himmel“. Das heißt nichts anderes, als in Beziehung zu treten mit der Welt, mit Menschen. Laut Tomatis ist das Echo der Schöpfung im Gesang und in der musikalischen Harmonie ebenso zu finden, wie in der menschlichen Sprache. "Die Bildung des Gehörs ist das Wichtigste“, weiß der Komponist und Dirigent Robert Schumann in seinen Musikalische Haus- und Lebensregeln zu sagen. Es ließe sich auch sagen: Jeder Ton erschließt jedem Menschen den eigenen Himmel. Denn: Töne sind nicht nur vielfältig. Sie sind übersinnlich.

Schließen

Mehr aus der Sammlung Musik

Artikel

Videos

Externer Inhalt

Verwandte Sammlungen

Mehr aus der Sammlung

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.