Interview

Von Irrungen, Wirrungen, Träumen und Wundern Elektrotechniker Prof. Blake S. Wilson über den Beginn der Cochlea-Implantate

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Februar 2020
In der Sammlung Leben
Lesedauer: 4 Minuten

Seiner Arbeit ist es zu verdanken, dass Hörimplantatträger Sprache heute ganz ohne Lippenlesen und sogar am Telefon verstehen können: Blake Wilson, eigentlich Ingenieur der Elektrotechnik, widmete einen Großteil seiner Karriere der Hörforschung und ist einer der Pioniere im Bereich der Sprachverarbeitung.

Am Anfang war die harte Arbeit

In den 1970er Jahren entwickelte er einen kleinen Computer, der Sprache analysieren konnte und in Lichtsignale umwandelte. Über kleine LED-Lichter wurde so Sprache sichtbar gemacht. Damit konnten Gehörlose beim Lippenlesen unterstützt werden.

Als kurz darauf die ersten Cochlea-Implantate (CI) entwickelt wurden, wollte er mehr darüber wissen. Im Rahmen eines Stipendiums besuchte er 1978 drei Forschungszentren in den USA, die damals bereits an Cochlea-Implantaten forschten. Noch im selben Jahr arbeitete er selbst bereits am CI-Programm an der University of California in San Francisco mit.

Ab 1983 leitete er ein Forschungsprogramm am Research Triangle Institute in North Carolina, USA. Zentrales Ziel: eine Schallverarbeitungsstrategie zu entwickeln, mit der CI-Träger Sprache nicht nur hören, sondern auch verstehen konnten.

In den späten 80er Jahren fanden Wilson und seine Mitarbeiter tatsächlich eine neue Sprachverarbeitungsstrategie, die es dem Großteil der CI-Träger ermöglichte, Sprache zu verstehen. Diese „Continuous Interleaved Sampling“-Strategie (CIS) wird bis heute verwendet. Für ihn ist die Entwicklung jedoch noch längst nicht am Ende: Jetzt geht es daran, auf unterschiedliche Gehirnfunktionen einzugehen und die Wahrnehmung von Musik weiter zu verbessern.

Als Sie mit Ihrer Forschung begannen, gab es bereits erste Cochlea-Implantate. Sie waren jedoch noch sehr unausgereift im Vergleich zu heute. War es ein langer Weg bis zu Ihrer Entdeckung der Sprachverarbeitung?

Es gab viele Irrungen und Wirrungen unterwegs. Wir waren ein Team von sechs oder sieben Forschern und hatten jede Menge Ideen. Über die Jahre testeten wir buchstäblich hunderte davon. Und einige waren erfolgreich. Damals habe ich gelernt, mich nicht auf eine bestimmte Idee zu versteifen. Du musst viele ausprobieren. Und auch wenn es viele Fehlstarts gab – wir machten weiter und testeten einfach andere Ideen. Während dieser Zeit sagten viele Experten in der Ohrenheilkunde und Hörforschung, dass Cochlea-Implantate nie und nimmer funktionieren könnten. Sie hielten die Entwicklung eines CI für einen törichten Traum. Noch schlimmer: ein unethisches Experiment an Menschen.

Wie fühlte es sich an, einem „törichten Traum“ nachzulaufen?

In der Anfangszeit waren wir an einer Schwelle zu – wie sich später herausstellte – vielen wichtigen Entdeckungen. Das Feld war weit offen mit vielen Möglichkeiten für massive Verbesserungen. Aber der Optimismus war nicht so groß wie heute. Heute wissen wir, dass CI funktionieren. Die Herausforderung ist nun, sie noch besser zu machen. – Eine schöne Herausforderung!

Blake Wilson mit CI-Trägerin Lilo Baumgartner
Blake Wilson mit CI-Trägerin Lilo Baumgartner im Jahr 2003 in der Nähe des Forschungslabors im Research Triangle Institute in North Carolina, USA. Die Wienerin Lilo Baumgartner nahm dort als Versuchsperson an den Forschungen teil.
© Wilson, Fig. 3, mit freundlicher Genehmigung vin Lilo Baumgartner, Vienna, Austria

Sie sehen also immer noch weiteres Verbesserungspotential für CI?

Die heutigen Implantate bieten eine beachtliche Wiederherstellung der Hörfunktion. Die meisten Träger können sogar telefonieren und haben zumindest Ansätze von Musikverständnis. In meinen Augen ist das schon ein regelrechtes Wunder. Aber manche Menschen erhalten keine so spektakulären Ergebnisse. Für sie könnten neue Entwicklungen Verbesserungen bringen.

Schon Ideen, wo man ansetzen kann?

Ein Grund für ein schlechtes Hörergebnis ist die mangelnde Verarbeitung der Schallinformationen im Gehirn. Zu Anfang war uns nicht klar, welch großen Einfluss das Gehirn eigentlich hat. Rückblickend weiß ich jetzt, dass die Informationen, die das CI bereitstellte, nur eine bestimmte Grenze in Menge und Qualität überschreiten mussten. Dann konnte ein normales, intaktes Gehirn übernehmen und machte den Rest. Die Hörzentren im Gehirn können jedoch geschädigt sein, zum Beispiel durch jahrelange Inaktivität aufgrund von Taubheit. In solchen Fällen könnte ein anderer Ansatz helfen, dem Gehirn zu geben, was es braucht, um optimal zu arbeiten. Möglicherweise könnte eine einfachere Wiedergabe durch das CI helfen, um dem beeinträchtigten Gehirn einen Anhaltspunkt für die Verarbeitung zu geben. Auch geschicktes Training könnte die Hirnfunktionen zusätzlich positiv beeinflussen.

Ein weiteres Feld für Verbesserungen gibt es im Zusammenhang mit lauter Umgebung, die für viele CI-Träger immer noch eine große Herausforderung sein kann. Vielleicht könnte da eine noch detailliertere Schallübertragung durch das CI helfen. Und auch die Wahrnehmung komplexer Schallinformationen wie Musik kann weiter verbessert werden. Wir – und viele andere weltweit – arbeiten jedenfalls daran.

CI

Die Geschichte von Hörimplantaten

Wie es MED-ELs Gründer Ingeborg und Erwin Hochmair entgegen aller Wahrscheinlichkeit schafften gehörlosen Menschen das Hören zu schenken.

Mehr erfahren

Den perfekten Partner in MED-EL gefunden

Während der 1980er Jahre entwickelte sich weltweit ein Netzwerk aus Forschungskooperationen, an dem auch Ingeborg und Erwin Hochmaier von MED-EL beteiligt waren.

Das Ehepaar arbeitete bereits seit den 1970er Jahren an der Entwicklung von CI. Als Blake S. Wilson seine neue Sprachverarbeitungsstrategie in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichte, begannen sie sofort damit, ein Implantatsystem zu entwickeln, das für das neue „Continuous Interleaved Sampling (CIS)“ geeignet war. Seither arbeiteten die drei Pioniere immer enger zusammen – mit dem Ziel, immer bessere Hörergebnisse für CI-Träger zu erreichen. Heute ist Blake Wilson Chief CI Research Advisor bei MED-EL. Zusätzlich unterstützt MED-EL sein Forschungslabor, das MED-EL Basic Research Laboratory im Research Triangle Park, North Carolina, USA. Involviert ist Blake Wilson auch in Lehre und Forschung an mehreren Instituten der Duke University, USA, und der University of Warwick, Großbritannien.

Schließen

Mehr aus der Sammlung Leben

Artikel

Videos

Verwandte Sammlungen

Mehr aus der Sammlung

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.