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Wann ist der beste Zeitpunkt für ein Hörimplantat?
Über das richtige Alter bei der Implantation und die Dauer des Hörverlusts

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Januar 2020
In der Sammlung Alter
Lesedauer: 5 Minuten

„Je früher, desto besser“ ist ein klassischer Spruch unserer Zeit, der uns im Alltag oft ganz schön stresst. Doch es gibt Situationen, in denen „Je früher, umso besser“ genau ins Schwarze trifft: Wenn es um eine Cochlea-Implantation geht zum Beispiel. Aber was ist früh genug? Und ist spät tatsächlich besser als nie?

Gute Vorbereitung ist wichtig

Jede Operation braucht genaue Vorbereitung, will gut überlegt und geplant sein. Wenn es um Cochlea-Implantate (CI) geht, ist es jedoch wichtig, unnötige Verzögerungen zu vermeiden: Eine langanhaltende Gehörlosigkeit wirkt sich in den meisten Fällen wesentlich auf das spätere Hörergebnis mit Implantat aus. Das gilt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.

Je früher, desto besser

Experten sind sich darüber einig, dass die Cochlea-Implantation die besten Ergebnisse bringt, wenn sie vor dem dritten Lebensjahr erfolgt. Jennifer Robinson, Audiologin und Produktmanagerin bei MED-EL in Österreich, erklärt: „Während der ersten Lebensjahre kann sich das Gehirn noch am besten anpassen und ist darauf vorbereitet, Töne zu empfangen und auszuwerten. Aber falls die Hörbahnen – die Bereiche im Gehirn, die normalerweise dem Gehör zugeordnet sind – in den ersten drei oder vier Jahren nicht angeregt werden, beginnt das Gehirn, sie anderen Sinnen zuzuordnen, wie etwa dem Sehvermögen. Das schränkt die Kapazität für das Gehör ein und verzögert außerdem die Entwicklung des Sprechens und der Sprache allgemein.“

Denn Kinder lernen sprechen, indem sie das nachahmen, was sie hören. Dieser Prozess beginnt bereits nach vier Monaten, wenn Babys zu plappern beginnen, also kann sich jegliche Verzögerung beim Gehör auf das Sprechen auswirken. Natürlich beeinflusst das die sprachliche Entwicklung – also die Fähigkeit, Wörter zu nutzen, um zu kommunizieren. Neueste Forschungsergebnisse legen sogar nahe, dass die Operation innerhalb des ersten Lebensjahres vorgenommen werden sollte, um bei der sprachlichen Entwicklung die besten Ergebnisse zu erzielen. Laut einer Literaturarbeit in der medizinischen Fachzeitschrift „Otology and Neurotology“ aus dem Jahr 2016 „holen Kinder, die bis zum Alter von zwölf Monaten Cochlea-Implantate erhalten, häufig die sich typisch entwickelnden Gleichaltrigen ein – doch diejenigen, die die Implantate später bekommen, tun dies meist nicht.“

Kinder

Hörimplantate bei Kindern

Kinder können unabhängig von ihrem Alter von einem Cochlea-Implantat-System (CI) profitieren, doch gehörlose Kinder, die vor dem Erlernen von Sprache mit einem CI versorgt wurden, haben wahrscheinlich einen größeren Vorteil.

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Lernerfolg und Schwerhörigkeit

Und nicht nur das: Kinder, die verzögert sprechen lernen, sind auch später dran, wenn es um‘s Lesen geht. Laut dem Weltverband der Gehörlosen liegen die Lese- und Schreibfähigkeiten gehörloser Kinder weit unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Und da Lesen das Tor zum Lernen ist, kann sich eine gehörbedingte Leseschwäche auch auf die weitere schulische Leistung auswirken.

Allerdings zeigen wissenschaftliche Forschungen, dass Cochlea-Implantate dieses Ungleichgewicht beheben können: Eine systematische Übersichtsarbeit des britischen National Institute of Health Research aus dem Jahr 2009 ergab, dass hochgradig schwerhörige Kinder mit Cochlea-Implantaten schwerhörige Kinder ohne Implantat übertrafen, wenn es um Dinge wie etwa Sprachwahrnehmung, Lebensqualität oder schulischen Erfolg ging. Das traf insbesondere bei jenen Kindern zu, die früh implantiert wurden. Darüber hinaus besuchen diese Kinder mit umso höherer Wahrscheinlichkeit eine Regelschule, je früher sie das Implantat erhalten.

Forscher der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore, USA, untersuchten im Jahr 2013, wie sich die Schullaufbahn von sechs Jahre zuvor implantierten Kindern entwickelt hatte: 81 Prozent der Kinder, die ihr Implantat bis zum Alter von 18 Monaten erhalten hatten, besuchten eine Regelschule in Vollzeit. Im Vergleich dazu taten das nur 63 Prozent derjenigen, die das Implantat im Alter von 36 Monaten oder später erhalten hatten.

Illustration Kinder
© Andy Potts

Auch eine spätere Implantation ist sinnvoll

Die Implantation wird vor dem dritten Lebensjahr empfohlen – doch auch danach sind die Chancen auf ausreichendes Hören gut, sagt Jennifer Robinson von MED-EL: „Üblicherweise müssen später Implantierte intensiver mit Sprachtherapie arbeiten als jüngere Kinder und erlangen möglicherweise nie das gleiche Maß an Sprachkompetenz wie hörende Kinder in ihrem Alter – aber es wird trotzdem Vorteile geben.“

Der größte Vorteil besteht darin, dass ein Cochlea-Implantat neue Wege der Kommunikation eröffnet: „Das Hörvermögen intensiviert den sozialen Kontakt, erleichtert das Lernen und erweitert die Aussichten und Wahlmöglichkeiten im Leben. Es erlaubt schwerhörigen Kindern eine mühelosere Teilnahme an der Gesellschaft, mit all den Möglichkeiten, die das mit sich bringt“, fügt Robinson hinzu.

CI ohne Altersbeschränkungen

Auch bei Menschen jenseits der 18 ist es von Bedeutung, wie lange sie zum Zeitpunkt der Implantation schon schwerhörig waren. Das gilt auch für jene, die einst gut hören konnten. Dabei scheint die Dauer der Hörbeeinträchtigung noch wichtiger zu sein als das Alter des Patienten, denn es gibt keine Altersobergrenze für die Implantation. Der älteste Mensch, der bisher in Europa ein Cochlea-Implantat erhielt, war 99 Jahre alt.

Lendra Friesen, Assistenzprofessorin im Fachbereich „Speech, Language and Hearing Sciences“ an der University of Connecticut, USA, erklärt: „Wir wissen, dass eine Verkümmerung der auditiven Hirnregionen einsetzt, falls diese nicht angeregt werden. Und je länger die Gehörlosigkeit anhält, desto länger dauert es, bis jemand nach einer Operation wieder lernt, Sprache zu erkennen und zu verstehen.“ Diese Erkenntnis wird auch von der Forschung getragen. Eine Studie der Universität von Melbourne aus dem Jahr 2016 kam zu dem Schluss, dass bei Menschen, die als Erwachsene das Gehör verloren hatten, bessere Ergebnisse erzielt wurden, wenn die Operation möglichst früh vorgenommen wurde.

Besser spät als nie

Dennoch gibt es auch nach 10, 20 oder 30 Jahren Schwerhörigkeit die Chance, mit Implantat wieder gut zu hören: Eine Studie des Yonsei University College of Medicine in Seoul unter 81 Erwachsenen zeigte im Jahr 2014, dass selbst diejenigen Implantat-Nutzer, die 30 Jahre schwerhörig gewesen waren, von der Implantation profitierten und eine verbesserte Lebensqualität hatten. Allerdings schnitten diejenigen, die ihr Gehör vor dem Jugendalter verloren hatten, beim Sprachverständnis eher schlecht ab. Hilfreich bei langer Schwerhörigkeit ist es, wenn vor der Implantation ein Hörgerät getragen wurde. Denn auf diese Weise bleibt das System gefordert, was die Chance auf ein gutes Hörergebnis nach der Cochlea-Implantation erhöht.

Illustration Menschen
© Andy Potts

Die "richtige" Entscheidung

Letztendlich ist die Entscheidung für oder gegen die Implantation eine ganz persönliche. Jennifer Robinson rät: „Recherchieren Sie. Finden Sie eine Selbsthilfegruppe und sprechen Sie mit so vielen CI-Nutzern wie möglich über deren Erfahrungen. Überlegen Sie dann, wie sich Ihr Hörverlust auf Ihr Leben auswirkt. Erschwert er Ihnen das tägliche Leben und wie wirkt er sich auf Ihr Sozialleben, Ihre Arbeit und die Menschen aus, die Ihnen nahestehen?“

Diejenigen, die nichts bereuen

Wie hörbeeinträchtigte junge Menschen zur Entscheidung ihrer Eltern für die Implantation stehen, dazu gibt es bisher nur sehr wenige Erkenntnisse.

Allerdings haben sich die britische Ear Foundation und die Nationale Gesellschaft für Schwerhörige Kinder in einer kleinen Studie 2007 angesehen, wie Jugendliche zu ihrem Implantat stehen: 27 der 29 Befragten gaben an, sie trügen ihre Implantate jeden Tag, den ganzen Tag lang, und hätten das Gefühl, sie gehörten sowohl der Welt der Gehörlosen als auch der der Hörenden an. Niemand kritisierte die eigenen Eltern dafür, dass diese sich für die Implantation entschieden hatten.

CI

„Das Cochlea-Implantat war die beste Entscheidung“

Hörverlust beeinflusst nicht nur das Leben des Betroffenen, sondern hat auch Auswirkungen auf die gesamte Familie. Kathrin erzählt die Geschichte ihres Vaters Adi, der sich nach jahrelanger Schwerhörigkeit für ein CI entschieden hat.

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