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Wann wird Lärm unangenehm? Über das Recht zu hören was man will

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: August 2019
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 6 Minuten

Lärm macht krank – das wissen wir. Aber schadet er auch dem Wohlstand und der Entwicklung?

Lärm ist Schall, den wir nicht wollen

Das Ding sieht aus wie eine große Bratpfanne mit gut einem Meter Durchmesser, etwa 20 Zentimeter dick, mit großen Griffen dran. Aus Jux hat jemand die Pfanne auf ein Stativ geschweißt, das an der Reling eines großen Schiffes festgemacht ist.

Die Rede ist von einem Long Range Acoustic Device (LRAD), umgangssprachlich eine Schallkanone. Das LRAD wird von vielen Reedereien, aber längst auch Küstenwachen, Marine- und Polizeieinheiten als nichttödliche Waffe gegen Piraten und Terroristen verwendet. Das LRAD erzeugt eine Reihe von schrillen Schallwellen im Bereich von bis zu 3100 Hertz – die mit einem Schalldruck von rund 150 Dezibel beim Ziel ankommen. Ein startender Jet bringt es auf erheblich weniger, „nur” 120 Dezibel – das ist auch der Bereich, an dem bei den meisten Menschen die Schmerzgrenze beginnt. Die US-Army setzte solche Schallkanonen auf Distanzen von einigen hundert Metern im zweiten Irak-Krieg ein – damit knackte man feindliche Stellungen und Panzer, deren Besatzungen vor dem ohrenbetäubenden Lärm umgehend kapitulierten. Fast schon routinemäßig verwenden Sicherheitsbehörden auf der ganzen Welt LRADs, um gewalttätige Demonstrationen zu zerstreuen. Wenn also bei „Unruhen” letztlich die Autoritäten wieder „Ruhe und Ordnung” herstellen, dann darf man das immer öfter ganz wortwörtlich nehmen.

Geräuschvoll

Das lässt sich auch ganz wunderbar an der Herkunft des deutschen Wortes „Lärm” nachweisen. Es stammt vom italienischen „all’arme”, was soviel heißt wie „zu den Waffen” und auch die unverkennbare Vorlage des Wortes „Alarm” ist. Lärm ist Schall, den wir nicht wollen. Der so alltagskluge Intellektuelle Kurt Tucholsky hat vor über 80 Jahren die ewig gültige Definition von Lärm gefunden: Er ist „das Geräusch der Anderen.” Was für ein schlauer Gedanke. Denn was wir als zu laut empfinden, hängt nur sehr bedingt davon ab, wie laut es tatsächlich ist – sondern ob wir es hören wollen oder müssen.

Eine Schallkanone tut immer weh – klar – aber es gibt Menschen, die in Popkonzerten um die 110 Dezibel abbekommen und das als lustvoll empfinden. Nachbarn hingegen genügt ein Bruchteil davon, um die Polizei zu rufen. Lärm macht krank, das ist eindeutig so: Mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle etwa durch Fluglärm – das ist keine Propaganda von technikfeindlichen Ökos, sondern eine aus zahlreichen Studien wissenschaftlich erwiesene Tatsache. Bei 55 Dezibel ziehen Arbeitsmediziner heute die Stressgrenze. Was darüber liegt, ist zu laut. Physikalisch sind 55 Dezibel nicht viel. Aber es ist das „Geräusch der Anderen”. Das ist eine psychologische, eine individuelle Angelegenheit. Mit reinen Normen kommt man also nicht weiter. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat jedenfalls den Lärm nach der Luftverschmutzung zur größten Umweltgefahrenquelle erklärt.

Was ist Lärm?

Jedes Geräusch ist Vibration. Physikalisch gesehen, besteht also zwischen Lärm und angenehmem Geräusch kein Unterschied.

Was sich jedoch unterscheidet, ist wie die Hörer entscheiden zu reagieren. Lärm ist schlichtweg jegliches Geräusch, das Zuhörer und Zuhörerin nicht hören möchten. Hörexperten nennen das die "Hörabsicht". Das bedeutet, ein einziges Geräusch kann beides sein: Lärm oder eben kein Lärm. Abhängig davon, was gehört werden will.

Viel Lärm um Nichts?

Hat der Mensch ein Recht auf Ruhe? Darauf, zu hören, was er will? Diese Frage scheint nur deshalb ein wenig merkwürdig, weil sich unsere Kultur in den letzten hundert Jahren viel mehr auf das Visuelle konzentriert und die Akustik ziemlich oft links liegen gelassen hat. Foto, Film, Video, der schnelle, farbige, grelle visuelle Reiz – das stand im 20. Jahrhundert im Mittelpunkt. Als die „Bangles” im Jahr 1979 „Video killed the Radio Star” sangen, war die Tat längst vollbracht: Das Hören galt als zweitrangig. Doch das wird sich im 21. Jahrhundert grundlegend ändern, ganz sicher. Ein Grund sind die massiven gesundheitlichen Schäden, die Lärm anrichtet, insbesondere im urbanen Bereich, in den großen Städten und anschwellenden Megastädten der Welt, deren Bevölkerungszahlen in den zweistelligen Millionenbereich anwachsen. Der große Mediziner Robert Koch hat schon vor 100 Jahren prophezeit, dass der Lärm in Zukunft die Rolle haben wird, die einst „Pest und Cholera” zukamen, und dass die Menschheit diese Geisel „unerbittlich bekämpfen” wird müssen.

Eine erstaunlich weitsichtige Prognose. Koch dachte an die Gesundheit. Es geht aber auch um Wohlstand und seine unverzichtbare Grundlage, das Wissen. Der englische Autor Peter Ackroyd hat in seiner bemerkenswerten „London”-Biografie ein Kapitel „Der Lärm der Stadt” genannt und am Beispiel Londons beschrieben, was für jede Stadt galt und gilt, nämlich dass „zu allen Zeiten sein Lärm bezeichnend” war, „der neben anderen Faktoren das Ungesunde der Stadt ausmacht – und auch das Unnatürliche, wie das Brüllen einer furchtbaren Kreatur. Gleichzeitig ist dieser Lärm aber auch ein Zeichen der Vitalität und Kraft.” Wie treffend beobachtet.

Stadtlaerm
Laute Städte: Das wird bald schon das Synonym für arme Städte sein.
© Getty Images

Wohlhabende Städte des Mittelalters waren laut, denn es gab viel Gewerbe, laut rufende Händler, laute Kirchenglocken, viele Pferdewagen, die auf dem Pflaster einen Höllenlärm verursachten. Später, im Zeitalter der Industrie, verstärkte sich das: Dampfhämmer, Maschinen, Motoren füllten jeden Raum. Unsere Städte werden nach wie vor in diesem Geist gebaut. Doch die Industrie ist längst nicht mehr der wichtigste Arbeitgeber in den entwickelten OECD-Staaten: Die meisten Menschen verdienen ihr Einkommen mit wissensbasierten Dienstleistungen. Es ist Arbeit, die Konzentration voraussetzt. Wissensarbeit und die Geräusche der Anderen – das sind Gegensätze wie Feuer und Eis.

Vor einigen Jahren führte die amerikanische Neurowissenschaftlerin Shelly Carson ein Experiment mit Studenten durch. Eine Testgruppe bestand aus hochbegabten, kreativen Studenten, die besten des Jahrgangs, die andere Gruppe hingegen war ausgesprochenes Mittelmaß. Beide Gruppen wurden in einen Raum gebracht und mit der Lösung einiger schriftlicher Aufgaben aus ihrem Fachgebiet betraut. Kaum ging der Test los, wurden aus versteckten Lautsprechern Störgeräusche eingespielt. Während die Mittelmäßigen durchschnittliche Ergebnisse lieferten, versagten die besonders guten Studenten kläglich. Besonders schlaue Leute bringt man leichter durch Lärm aus dem Konzept. Sie nehmen mehr wahr. Deshalb finden sie auch mehr Lösungen auf offene Fragen, wissen mehr und erkennen Zusammenhänge, die anderen erst gar nicht auffallen.

In der Ruhe liegt die Kraft

Daraus lassen sich unmittelbar Schlüsse ziehen: Wo es zu laut ist, wird weniger gedacht. In der Ruhe liegt die wirtschaftliche Kraft. Wo es hingegen scheppert und kracht, ist die Wissensgesellschaft noch nicht angekommen. Laute Städte – das wird bald schon das Synonym für arme Städte sein. Wo kein Wissen ist, wird kein Wohlstand sein. So einfach ist das.

Wir werden lernen müssen, dass Lärmbelästigung kein Kavaliersdelikt ist und Menschen, die sich vom „Geräusch der Anderen” gestört fühlen, keine „Spießer” sind. Für das Nebeneinander von Leben und Wissensarbeiten werden wir neue Städte, eine andere Mobilität, neue Infrastrukturen und eine andere Architektur brauchen. Das Recht darauf, zu hören, was man will, wird im 21. Jahrhundert zum gigantischen Investitionsprojekt werden. Es wird für Ruhe und Ordnung in der Wissensgesellschaft sorgen. Wir werden sehen, wie gut sich das anhört.

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