Portrait

Warum ist laut Lesen wichtig? Die Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie im Portrait

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: August 2020
In der Sammlung Kinder
Lesedauer: 6 Minuten

Ihre Bücher heißen „Mellin, die dem Drachen befiehlt“, „Mit Kindern redet ja keiner“ oder auch „Ein Sommer in Sommerby“. Dazu gesellen sich erfolgreiche Buchreihen wie „Lena“, „Ritter Trenk“ und „Thabo: Detektiv und Gentleman“. Die Rede ist von Kirsten Boie, die die erfolgreichste Autorin für Kinder- und Jugendliteratur im deutschsprachigen Raum ist. Ein Portrait

Es geht um Nähe, es geht um Phantasie – und ums Hören

1950 wurde Kirsten Boie in Hamburg geboren, im März feierte die promovierte Literaturwissenschaftlerin ihren siebzigsten Geburtstag – doch ans Aufhören denkt die kleinen und großen Menschen zugewandte Schriftstellerin noch lange nicht. Erst letztes Jahr im Dezember wurde die sympathische Hanseatin zur Ehrenbürgerin Hamburgs erwählt. Eine von unzähligen Ehrungen, neben dem Bundesverdienstkreuz und sehr vielen literarischen Lorbeeren. Den ersten Literaturpreis gab es bereits 1985: Für „Paule ist ein Glücksgriff“ kam Kirsten Boie auf die Ehrenliste des Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises. „Paule“ war ihr erstes Buch, und es ist spannend zu erfahren, wie die ehemalige Lehrerin zum Schreiben kam.

Kirsten Boie, die mit ihrem Mann 100 Meter hinter der Hamburger Stadtstaatgrenze im benachbarten Schleswig-Holstein lebt, hatte ihr erstes Kind adoptiert, einen Jungen. Obwohl es bereits die 1980er Jahre waren und die Frauenemanzipation viele Erfolge feierte, war das konservative Jugendamt des nördlichsten deutschen Bundeslandes noch nicht auf der Höhe der Zeit: Eine berufstätige Frau, die ein Kind adoptiert, war in den Regularien des Jugendamtes nicht vorgesehen, wie Kirsten Boie erfahren musste, als sie nach ihrer Elternzeit wieder als Lehrerin im Schuldienst arbeiten wollte, und das halbtags. „Für meinen Mann, der ebenso Lehrer war, stellte sich so eine Frage überhaupt nicht, nur für mich als Frau“, erinnert sich Kirsten Boie.

„Familie und Beruf gehören für mich zusammen“

„Ich habe nachgegeben, war damit aber nicht glücklich, zu meinem Lebensentwurf gehörte das immer zusammen, Familie und Beruf.“ Und so fing Kirsten Boie mit dem an, was sie schon als Kind gerne getan hat – neben Bücher lesen – ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen und sich die Erlaubnis zu geben, zu schreiben. Inspiriert wurde sie von ihrem Sohn, denn „Paule ist ein Glücksgriff“, ist die Geschichte eines adoptieren Kindes …

So eine Geschichte hat es in der normalen Kinderliteratur noch nicht gegeben, das Adoptions-Buch wurde sofort ein Mega-Erfolg! Als das Ehepaar Boie wenig später ein weiteres Kind adoptierte, dieses Mal ein Mädchen, hatte Kirsten Boie bereits zwei Kinderbücher erfolgreich auf den Markt gebracht.

Engagagiert und couragiert

Dabei blieb es nicht, an die 100 Bücher hat die agile, humorvolle und kluge Autorin bislang geschrieben. Darunter Bücher für Kindergartenkinder, sowie für Jugendliche. Literarisch ist das ein enormes Spektrum, auch von der schriftstellerischen Leistung her, denn es ist klar, dass für ein fünfjähriges Kind anders geschrieben werden muss, als für eine 12-Jährige oder einen Teenager von 17 Jahren. Diese Herausforderung meistert Kirsten Boie mit Bravour. Dabei bleibt es aber nicht, denn selbstverständlich hält Boie auch Lesungen, ist im deutschen Schulnetzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ engagiert und hat seit vielen Jahren eine eigene Stiftung in Swasiland, im südlichen Afrika, die ebenso nach einer ihrer erfolgreichen Jugendbuchreichen benannt ist: die Möwenweg-Stiftung für Kinder, weil „Kinder ein Recht auf Kindheit haben, überall“.

Zuhören ist wichtig

Wenn es aber um die Vermittlung von Büchern und damit um Phantasie geht, führt laut Boie kein Weg daran vorbei, Kindern schon sehr früh Geschichten vorzulesen: „Zuhören ist zunächst mal wichtig, weil Kinder so lernen, aufgrund von Sprache „innere Bilder“ zu entwickeln. Wir leben ja in einer überbordend visuellen Kultur, und wenn Kinder Geschichten nur durch Filme und Games kennenlernen, fällt es ihnen später sehr schwer, beim reinen Lesen Spaß zu empfinden“, sagt Kirsten Boie. Dabei ist es nicht so, dass Boie Games prinzipiell ablehnend gegenübersteht: „Es gibt großartige Computerspiele, ohne Frage. Dennoch sollten Kinder erstens nicht zu früh mit Games überflutet werden, zweitens sollte sehr genau hingeschaut werden, welche Menschenbilder dort vermittelt werden. Nicht alles von dem, was Kinder dort sehen, ist hilfreich für eine glückliche Entwicklung“, so Boie, die ansonsten zusieht, nicht pädagogisch moralisierend in ihren Büchern zu sein.

Kommen wir zurück zum Vorlesen oder einfach auch Geschichten erzählen, etwas, dass viele Eltern oder auch weitere Bezugspersonen automatisch können, wenn Kinder da sind. Nicht allein, weil es ein wichtiger Schritt zum Lesen lernen ist, sondern weil damit auch eine gewisse Nähe samt „Kuscheligkeit“ verbunden ist – und ein sich Zeit nehmen für den anderen, für das Kind. „Das ist erstmal per se schön für Kind und Vorleser – hat aber auch die Konsequenz, dass Bücher von Anfang an mit einer glücklichen Situation verbunden werden, anders, als wenn ein Kind sie erst in der Schule als Anstrengungsgegenstände kennenlernt“ weiß die von Tausenden von Kindern geliebte Schriftstellerin, die fast jeden Samstag Kinderpost, die ihr ins Haus flattert, beantwortet – und auch fleißig auf Instagram für ihre großen und kleinen Fans unterwegs ist.

Zuhören können ist Nähe

Von dieser ganz anderen, kinderliterarischen Perspektive aus betrachtet, wird ersichtlich, wie wichtig es für Menschen ist, gut Hören zu können. Den und die anderen. Weil es Nähe bedeutet. Eine Nähe, die dazu befähigt, Beziehung aufzubauen, in einer oder mehreren Beziehungen zu sein, sich im wahrsten Sinne des Wortes zu-ge-höhr-ig zu fühlen. Wer unter Hörminderung, Schwerhörigkeit bis hin zu Hörverlust leidet, weiß sofort, dass ihr oder ihm sehr viel mehr fehlt, als die Fähigkeit zu hören. Und genau deswegen macht es für viele Menschen, die unter Schwerhörigkeit bis hin zu Hörverlust leiden, aus Gründen, die weit über die medizinische Indikation hinausgehen Sinn, auf Hörlösungen zu setzen. Damit man das Leben wieder genießen kann. Mit allen Sinnen. Dazu gehört, das Hören neu zu lernen – und Nähe zu erobern. Ebenso verdeutlicht es aber auch wie wichtig es sein kann, bereits Kinder, die unter einem starken Hörverlust leiden, so früh wie möglich mit Cochlea Implantaten zu versorgen. Die Hörbotschafterin und junge Mutter Valerie Pestinger hat nach ihrer eigenen CI-Erfahrung sehr klare Vorstellungen wenn es um Kinder, Hörverlust und CIs geht.

Ideen muss man haben

Vielleicht ist das eine Idee für literarisch ambitionierte MED-EL Nutzerinnen und Nutzer? Sich hinsetzen und ein Kinder- oder Jugendbuch zum Hörverlust schreiben, oder wie ein Kind damit umgeht, oder die Familie? Mit Ausnahme von „Depression“ und „Tod“ hat Kirsten Boie noch keine Themen rund um Behinderung wie Hörverlust oder fehlendes Sehvermögen geschrieben. Sie weiß, dass man auch als Schriftstellerin, die mit Phantasien spielt, so eine Lebenserfahrung nicht in einem Brainstorming machen und dann einfach niederschreiben kann. Dafür nimmt die 70-Jährige die Menschen im Allgemeinen und ihre jungen Leserinnen und Leser im besten Sinne viel zu ernst.

Kirsten Boie’s literarischer Erfolg begann damit, indem sie über etwas schrieb, das ihr nahe ging und was noch niemand zuvorgetan hat, über einen adoptierten Jungen schreiben, ihren Sohn. Klar wird dabei, dass jeder Mensch eine eigene Geschichte und eine eigene Phantasie hat, die oftmals jahrelang darauf wartet, neu belebt zu werden. Unser Tipp: In diesem Jahr, im Juni, wurde zum ersten Mal der Kirsten-Boie-Preis für Kinderliteratur vergeben. Dieser mit 5.000 Euro dotierte Preis soll von nun an alle zwei Jahre für das beste unveröffentlichte Kinderbuch einer deutschsprachigen Autorin bzw. eines deutschsprachigen Autors ausgelobt werden, Verlagsvertrag inklusive. 2022 wäre die nächste Preisverleihung. Vielleicht ist das ein Anreiz, ein Kinder- oder ein Jugendbuch zu schreiben und dieses einzureichen? Nur so eine Idee … Aber eine gute!

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