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Wenn die Lippen unlesbar sind Der Alltag mit Mundschutz

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Juni 2020
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Lesedauer: 3 Minuten

Angesichts der aktuellen Corona-Krise ist der Anblick von Menschen mit Mund-Nasen-Schutz kein ungewöhnlicher. Trotz seiner Notwendigkeit zur Eindämmung einer weiteren Verbreitung des Virus, stellt er für einen Teil der Bevölkerung ein großes Problem dar. Nämlich für den Teil, der darauf angewiesen ist, den Mund des Gegenübers sehen zu können. Und für jene Menschen, deren Sprachverständnis durch die gedämpften Stimmen – die beim Tragen von Mundschutz unvermeidlich sind – enorm leidet. Der Alltag mit Mundschutz kann also zu erheblichen Schwierigkeiten beim Hören führen.

Die Verbindung der Sinne

Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes stellt nicht nur für Menschen mit Hörverlust eine große Hürde dar. Viele, auch Menschen ohne Hörverlust, sind betroffen. Nicht zuletzt, weil Hören und Zuhören – zu einem beachtlichen Grad – kontextueller Natur sind. Das bedeutet, dass was wir über unsere Ohren wahrnehmen mit anderen Sinnen verbunden ist.

Denken wir zum Beispiel an das beliebte Experiment, den Geschmack von Essen mit Augenbinde zu identifizieren. Oder der Moment, in dem uns bewusst wird, dass Essen ganz an Geschmack verliert, wenn wir an einer Erkältung leiden. Ist ein Sinn beeinträchtigt oder geht gar verloren, leiden auch die anderen Sinne darunter.

Studien zeigen, dass dasselbe auch auf die Verbindung zwischen Sehen und Hören zutrifft: Unser Gehirn verstärkt Geräusche, die von einer Quelle kommen, auf die wir uns fokussieren. Auch Menschen mit Cochlea-Implantaten oder Hörgeräten haben Schwierigkeiten gesprochene Sprache in einer lauten Umgebung zu verstehen. Sie stützen sich dann auf das Lippenlesen, Mimik und Gestik. Dies ist gerade aktuell, wo eine laute Umgebung meist viele Menschen mit Mund-Nasen-Schutz bedeutet, so gut wie unmöglich.

Das Problem maskieren

Wie können wir mit dieser „neuen Normalität“ umgehen? In einer Welt, in der Nuancen der Kommunikation, die durch Mimik und Gestik verliehen werden, durch das erhöhte Aufkommen digitaler Hilfsmittel komprimiert werden, stellen Masken eine weitere Stolperfalle für das Verständnis dar. Besonders für von Hörverlust Betroffene kann dies frustrierend sein und in die Isolation führen. Zu den ohnehin existierenden Bedenken über die kurz- und langfristigen Folgen der aktuellen Zeit des „Social Distancing“, gesellen sich verständliche Ängste vor Auswirkungen auf Personen mit Hörbeeinträchtigung.

Menschen über 70 zählen leider nicht nur zur Covid-19 Risikogruppe, sondern auch zu denjenigen, die am meisten von Hörverlust betroffen sind. Dies ist ein zusätzlicher Faktor, den es zu beachten gilt. Denn statistisch gesehen ist es wahrscheinlich, dass sich diese Personen in Einrichtungen befinden – wie etwa in einer Klinik oder einem Altenheim – in welcher persönliche Schutzausrüstung verpflichtend ist. Oder in einem Umfeld, in dem auch „Zivilisten“ Mund-Nasen-Schutz tragen.

Dieser neue Zustand erfordert Anpassungen. Oft wird gesagt, dass die Augen das Fenster zur Seele seien, aber könnte es in dieser „neuen Normalität“ auch sein, dass es die Lippen sind? Durchsichtige Masken oder Shields, die die Sicht auf den Mund zulassen, wurden als Lösungen vorgeschlagen, um die Kommunikation mit und zwischen Menschen mit Hörbeeinträchtigung zu vereinfachen. Im Moment sind diese allerdings nicht so einfach erhältlich wie „reguläre“ Masken und daher nicht oft zu sehen. Besonders auch, weil viele auf einen selbstgemachten Mundschutz zurückgreifen. Und wenn es schon keine transparenten Masken sind, dann wären besonders für Menschen mit Hörgerät oder Hörimplantat eigene Modelle – mit spezieller Halterung oder Masche etwa – wichtig, um Irritationen hinter den Ohren zu minimieren.

Gebärden und Lippenlesen mit transparentem Mundschutz
Durchsichtige Masken oder Shields, die die Sicht auf den Mund zulassen, wurden als Lösungen vorgeschlagen, um die Kommunikation mit und zwischen Menschen mit Hörbeeinträchtigung zu vereinfachen.
© Getty Images

Einfache Schritte

Da Hörverlust nicht immer offensichtlich ist, müssen Betroffene gerade in dieser Zeit auf offene Kommunikation über ihre Beeinträchtigung setzen. Eine Karte zum Beispiel, mit der Aufschrift „Ich bin von Hörverlust betroffen und habe Schwierigkeiten Menschen mit Mundschutz zu verstehen. Bitte behalten Sie Ihre Maske an, aber versuchen Sie deutlicher und etwas lauter als normal zu sprechen.“ könnte eine Hilfe sein.

Für Menschen, die eine Maske tragen und mit Betroffenen kommunizieren, sind folgende Punkte wichtig:

  • Widerstehen Sie der Versuchung, die eigene Maske abzunehmen – dies könnte beim Zuhörer, bei der Zuhörerin zu Besorgnis führen.
  • Seien Sie geduldig und wirken Sie beruhigend auf Ihr Gegenüber.
  • Gehen Sie sicher, dass Sie Ihr Gegenüber direkt ansprechen.
  • Behalten Sie Augenkontakt und verwenden Sie Handzeichen, wo angebracht.
  • Fragen Sie Ihren von Hörverlust betroffenen Gesprächspartner, Ihre Gesprächspartnerin, welche Art der Kommunikation bevorzugt wird, oder wie am besten kommuniziert werden sollte.
  • Sprechen Sie etwas langsamer und deutlicher als normalerweise, aber vermeiden Sie es zu schreien.
  • Vermeiden Sie es, herablassend zu wirken. Hörverlust bedeutet, dass die Person nicht deutlich hören kann, nicht, dass sie nicht versteht.
  • Versuchen Sie wenn möglich ein Gespräch in einer Umgebung mit wenig Hintergrundgeräuschen zu führen.
  • Schreiben Sie Dinge auf, wenn nötig. Sollten Sie zum Beispiel eine Sprach-zu-Text-App auf Ihrem Handy verwenden, vergewissern Sie sich, dass alle Worte richtig erkannt wurden, bevor Sie den Text Ihrem Gegenüber zeigen.
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