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Wie Erinnerungen entstehen Und welche Rolle das Hören dabei spielt

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: März 2021
In der Sammlung Leben
Lesedauer: 6 Minuten

Eltern oder Lehrer sagen oft, dass Kinder nur das hören, was sie hören wollen. Und wir sind überzeugt, dass manche unserer Freunde ein selektives Gedächtnis haben, wenn sie sich nur an jene Teile einer Diskussion erinnern wollen, die ihre Meinung widerspiegelte. Oder sich ausschließlich an die glücklichen Zeiten mit dem Ex-Partner erinnern und dabei all die Streitigkeiten verdrängen, die zur Trennung führten. Unser Gehirn pickt sich die Rosinen aus dem Erinnerungskuchen. Dadurch lässt sich auch erklären, dass wir Erlebnisse auch dann wiederholen, wenn sie schmerzhaft waren: ein Marathonläufer, der sich unterwegs schwört, nie wieder einen Marathon zu laufen, meldet sich für den nächsten Lauf an, sobald seine Schmerzen vergangen sind.

Erinnerung und Technik

Die Technik, auf die wir uns immer stärker verlassen, spielt ebenfalls eine Rolle im Erinnerungsprozess. Ein Beispiel ist die Fotografie. Obwohl Sie sich nicht mehr an Ihren 2. Geburtstag erinnern, haben Sie vielleicht Fotos von der Feier gesehen. Sie trugen ein grünes Kleid und bliesen die Kerzen am Schokokuchen aus. Irgendwann sind Sie überzeugt, dass Sie sich an den Tag selbst gut erinnern. „Genau, mein 2. Geburtstag – ich erinnere mich genau! Ich trug ein grünes Kleidchen und feierte mit einer Schokotorte!“ Doch in Wahrheit wissen wir nicht, ob wir uns an das Foto oder den eigentlichen Tag erinnern.

Das gleiche passiert mit Urlaubserinnerungen, die dank Videos und Schnappschüssen lebendig bleiben. Wir erinnern uns an die hübschen blauen Fliesen in der Strandbar, als wäre es gestern gewesen. Dabei liegt es nur daran, dass wir die Strandbar am Foto schon viel öfter gesehen haben als in der Realität. Die Badfliesen im Hotelzimmer, von denen es keine Fotos gibt, entschwinden hingegen allmählich unserer Erinnerung.

Wir müssen auch hinterfragen, wie zuverlässig unsere Erinnerungen überhaupt sind. Meistens halten wir doch eher die glücklichen Momente in Bildern fest. Wer filmt schon die Folgen einer Lebensmittelvergiftung, den Streit mit der Freundin oder die Enttäuschung nach der geplatzten Verabredung? Vielleicht ist das eine ähnliche Art der selektiven Erinnerung, die wir mitunter sogar aktiv fördern?

Im Film “Vergiss mein nicht!“ unterzieht sich ein Paar 2004 einem Verfahren, bei dem sämtliche Erinnerungen an ihre Beziehung aus ihrem Gedächtnis gelöscht werden. Sie wollen die schmerzlichen Erinnerungen streichen, doch so wie Antibiotika nicht nur die bösen Bakterien, sondern auch gute vernichten, unterscheidet der Löschvorgang in der Behandlung nicht und nimmt dem Paar alle Erinnerungen.

Eine Frage der Kontrolle?

Im echten Leben kann man sich zwar keiner Behandlung zum Löschen von Erinnerungen unterziehen, doch viele Menschen besitzen die Gabe, Erinnerungen tief im Inneren zu vergraben. Das ist manchmal sogar lebensnotwendig. Traumatisierte Menschen müssen ihre Erinnerungen zumindest kurzfristig unterdrücken, um überleben zu können. Irgendwann müssen sie sich ihrer Vergangenheit jedoch stellen und das Erlebte verarbeiten, damit ihre Wunden geheilt und die traumatisierenden Ereignisse aufgelöst werden können.

Das führt uns zur Frage, ob wir – zumindest zu einem gewissen Grad – unsere Erinnerungen kontrollieren können. Wenn unser Gehirn ohne Anleitung Erlebtes verdrängen kann, das zu schwer zu ertragen ist, können wir ihm unter Umständen auch beibringen, nur jene Erinnerungen zu behalten, mit denen wir Positives verknüpfen, und unangenehme zu vergessen. Frei nach Aschenputtel: „die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“ Doch selbst wenn wir das könnten – sollten wir das tun? Immerhin ermutigen Psychotherapeuten ihre Patienten, alle ihre unterdrückten Erinnerungen, inklusive der negativen, an die Oberfläche zu lassen, weil Verdrängung für unsere Gesundheit nicht förderlich ist. Doch ab wann wird die Manipulation von Erinnerungen zum Problem?

Auf Sigmund Freund geht das Konzept der Verdrängung zurück, das besagt, dass Menschen absichtlich vergessen können. Vor 100 Jahren galten Freuds Theorien als kontroversiell, doch aktuelle Studien belegen, dass wir unsere Erinnerungen tatsächlich kontrollieren können. Dabei aktivieren wir denselben Bereich unseres Gehirns, der für das Verhindern von reflexartigen Handlungen zuständig ist. Instinktiv wollen wir einen fallenden Gegenstand auffangen, doch bei einem glühenden Stück Kohle würden wir diesen Instinkt unterdrücken. So wie unser Gehirn in Sekundenbruchteilen unterscheidet, ob der Gegenstand, den wir auffangen wollen, harmlos oder gefährlich ist, kann es – so die Annahme – lernen, welche Erinnerungen es behalten und welche es unterdrücken möchte.

© MED-EL

Bausteine der Erinnerung

Erinnerungen entstehen am leichtesten dann, wenn neue Informationen mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft werden. Zum Beispiel, wenn ein Kind den Zusammenhang zwischen dem Hund im Bilderbuch, dem realen Nachbarshund und dem Laut „Wuff, wuff“ herstellt. Das funktioniert auch später noch. Jemand, der in der Schule Spanisch lernte, erlernt Italienisch leichter als jemand, der Japanisch lernte. Die beiden romanischen Sprachen ähneln sich in Grammatik und Vokabular sehr, und das Gehirn nutzt das vorhandene Wissen der einen Sprache, um darauf aufbauend die zweite zu erlernen. Diese Verbindung zwischen neuem und vorhandenem Wissen erklärt auch, warum Erinnerungen durch bestimmte Reize plötzlich geweckt werden. Das kann ein Musikstück sein, aber auch ein bestimmter Geruch. Wenn das Gehirn „Zimt“ mit „Backen mit meiner Tante“ assoziiert, weckt Zimtgeruch fast automatisch die Erinnerung an die Tante und das gemeinsame Backen.

Lesen und erinnern, hören und vergessen?

Das Gehör spielt zweifellos eine Rolle in der Entstehung von Erinnerungen in Zusammenhang mit Sprache, aber wie wichtig ist es bei der Entstehung von Erinnerungen allgemein? Es gilt als belegt, dass man Informationen, die man nur hört, nicht so gut im Gedächtnis behält wie jene, die man sieht, und dass sich Gehörtes durch Wiederholungen besser verankert und festigt. Das ist eine plausible Erklärung dafür, dass wir den Namen von Frau Müller, die uns gerade vorgestellt wurde, sofort wieder vergessen, während wir die Liedtexte unserer Kindheit und Jugend, die wir ständig sangen, auch nach Jahrzehnten noch Wort für Wort rezitieren können.

Dennoch sollten wir die Bedeutung des Hörens für die Bildung von Erinnerungen nicht unterschätzen. Eine Studie zeigte, dass Studenten schriftliche Informationen länger im Gedächtnis behielten, wenn sie sich diese selbst laut vorlasen, aufnahmen und sich im Anschluss ihre eigene Aufnahme noch einmal anhörten. Schlechtere Ergebnisse erzielten jene, die Aufnahmen anderer Personen hörten oder die leise lasen. Auch wenn allgemein gilt, dass wir uns das, was wir hören nicht so leicht merken wie das, was wir sehen, spielt ein funktionierendes Gehör eine wichtige Rolle in der Entstehung von Erinnerungen.

Auch in anderer Hinsicht ist unser Gehör eng mit unserem Gedächtnis verwoben, wie neuere Forschungen zeigen. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Hörverlust und kognitiven Einschränkungen. Gedächtnislücken gehören dabei zu den ersten erkennbaren Symptomen. Das unterstreicht die Verbindung dieser beiden eigentlich völlig eigenständigen Funktionen. Wir hören mit den Ohren und erinnern uns mit dem Gehirn, und dennoch sind unsere Sinne und kognitiven Funktionen eng miteinander verwoben. Unser Gehirn springt oft ein, wenn das, was die Ohren hören – oder eben nicht hören – keinen Sinn ergibt. Es liefert aufgrund unserer Erfahrungen die fehlenden Zusammenhänge, wenn ein Wort genuschelt wird oder wir es aufgrund von Hintergrundlärm nicht genau hören. Die entsprechenden Studien wurden vor allem mit älteren Menschen durchgeführt, doch man kann die Erkenntnisse auf alle Altersstufen umlegen. Wenn unsere Ohren etwas nicht hören, muss das Gehirn einspringen. Dabei verwendet es Energieressourcen, die ursprünglich für andere Funktionen gedacht waren: sich Dinge zu merken zum Beispiel. Und egal, welche Erinnerungen wir bewusst behalten oder verdrängen wollen – und welche Erinnerungen wir unbewusst behalten oder vergessen, ein gesundes Gehör spielt dabei immer eine wichtige Rolle.

Noten

Geräusche und das Gedächtnis

“Sehen heißt glauben.“ Dieses Sprichwort existiert in vielen Formen und wird oft als alte Weisheit weitergegeben. Hier haben wir einen Artikel über die Beziehung zwischen Hörsinn und Gedächtnis.

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