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Wie Kinder sprechen lernen

Er ist ganz schön komplex, der Prozess des Sprechenlernens. Am Anfang steht das Hören – lange bevor das Baby sein erstes Wort spricht. Eltern können ihre Kinder ganz einfach beim Lernen unterstützen: Indem sie reden, was das Zeug hält.

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 03.04.2018
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Es ist einer der aufregendsten Augenblicke für junge Eltern: Der kostbare Moment, wenn ein Baby seinen Mund öffnet und nicht nur ein Gurgeln oder Quietschen von sich gibt, sondern das erste richtige Wort. Eine neue Phase der Entwicklung scheint eingeläutet: Babys erste Kommunikation durch Sprache. Doch eigentlich handelt es sich nur um einen weiteren Schritt in einem Prozess, der schon einige Zeit früher im Mutterleib begonnen hat.

Erste Töne

In der zwanzigsten Schwangerschaftswoche ist die Cochlea, auch „Hörschnecke“, bereits voll entwickelt. Sie ist jener Teil im Innenohr, der Töne an den Hörnerv weiterleitet. Mit 25 Wochen ist das gesamte Gehörsystem fertig ausgebildet. Einige Studienergebnisse legen nahe, dass Babys bereits in der 16. Schwangerschaftswoche auf die Stimme ihrer Mutter reagieren. Eine argentinische Untersuchung zeigte, dass das Hören von Musik die Herzfrequenz von Babys im Mutterleib erhöhte und sie sich im Rhythmus der Musik bewegten. Sie können sich sogar an Geräusche erinnern: In einer finnischen Studie aus dem Jahr 2013 zeigten EEG-Sensoren, dass die Gehirne von Babys Anzeichen von Erinnerung an erfundene Wörter produzierten, die ihnen im Mutterleib vorgespielt wurden.

Warum Hören wichtig ist

Was hat das aber alles mit dem Sprechen zu tun? Kaukab Rajput, Fachärztin für Audiologie im Great Ormond Street Hospital für Kinder in London, Großbritannien, erklärt es so: „Kinder lernen sprechen, indem sie kopieren, was sie hören. Daher ist das Hören der Schlüssel für die Entwicklung von Sprache und Sprechen. Ein Kind wird Laute oder Worte hören, daraufhin seine eigene Version davon hervorbringen und sich in Folge selbst korrigieren, während es seine Fähigkeit zuzuhören verbessert. Auf dieselbe Art lernt ein Kind auch, Sprache zu benutzen.“ Sprechen wird definiert als die Fähigkeit, Laute hervorzubringen, während Sprache die Fähigkeit umschreibt, diese Laute zu verstehen und für die Kommunikation einzusetzen.

Fünf Arten, Ihr Kind zu unterstützen

Die folgenden Strategien können sowohl normal-hörenden als auch Kindern mit Cochleaimplantaten beim Srechenlernen helfen:

  1. Sprechen Sie Baby-Sprache. „Wenn Sie in den ersten paar Wochen einfach die Laute, die Ihr Baby hervorbringt, wiederholen, können Sie es motivieren, diese Laute weiterhin zu produzieren. Diese Bestärkung ist ein wichtiger Teil des Lernprozesses für das Zuhören und die gesprochene Kommunikation. Abwechselnd zu ‚sprechen’ hilft dabei, Babys die Kunst der Konversation beizubringen und gibt ihnen Gelegenheit, Ihnen zuzuhören, sich selbst zuzuhören und langsam ihre eigenen Laute zu formen, damit sie den Ihren immer ähnlicher werden“, erklärt die Rehabilitationsexpertin Ingrid Steyns.
  2. Sprechen Sie mit Ihrem Baby. Auch wenn es nicht versteht, was Sie sagen, sprechen Sie während Routine-Tätigkeiten, erklären Sie, was Sie gerade tun und halten Sie Augenkontakt.
  3. Schränken Sie die Technologie ein. „Vermeiden Sie es, dass Kinder zu lange fernsehen oder auf Tablets spielen, da Kinder besser durch Interaktion lernen, die für sie bedeutungsvoll ist“, sagt die Audiologin Kaukab Rajput. Gemeinsames Sprechen, Lesen und Singen hilft Babys dabei, neue Wörter zu lernen.
  4. Sprechen Sie korrekt. Sobald Ihr Kind zu sprechen beginnt, ist es wichtig, ein gutes Beispiel zu geben und Worte korrekt auszusprechen.
  5. Fördern Sie fantasievolle Spiele. Verkaufen-Spielen ist zum Beispiel eine gute Gelegenheit, um den Wortschatz zu erweitern.
Mutter liest mit Kindern
Neue Wörter lernen Kinder am besten, wenn ihre Eltern ihnen vorlesen, mit ihnen sprechen und singen.
© Getty Images

Der Prozess

Ingrid Steyns ist spezialisiert auf Hör-, Sprech- und Sprachrehabilitation beim Hörimplantat-Hersteller MED-EL in Innsbruck, Österreich. Sie erklärt: „Mit vier bis sechs Monaten beginnen Babys zu brabbeln und Laute zu imitieren. Während sie ihre Stimme ausprobieren, lernen sie nach und nach die ersten Laute zu koordinieren und miteinander zu kombinieren. Mit sieben bis elf Monaten beginnen sie einige oft gehörte Wörter zu verstehen, wie ihren Namen, die Namen der Eltern oder häufige Wörter wie ‚Hallo’ oder ‚mehr’. Die ersten Worte tauchen mit rund zwölf Monaten auf. Dann haben Worte auch eine bleibende Bedeutung anstatt nur einen Laut nachzuahmen. Das Kind sagt zum Beispiel ‚Mama’ und schaut gleichzeitig seine Mutter an. Es wird auch alltägliche Phrasen verstehen, wie etwa ‚Setz dich hin’ oder ‚Wo ist Papa?’ und wir bemerken einen raschen Anstieg des Wortschatzes.“

Probleme erkennen

Wenn ein Kind nicht hören kann, tauchen Probleme auf: „Hört ein Kind überhaupt keinen Ton, dann werden die Hörbahnen nicht stimuliert und das Hörareal im Gehirn entwickelt sich nicht. Nach drei oder vier Jahren ohne Stimulation wird dieses Areal von anderen Sinnen, wie dem Sehen, übernommen. Diese werden dadurch dominanter. Das ist eine Art natürliche Kompensation“, erklärt die Audiologin Rajput.

Doch das Erkennen von Hörverlust ist nicht immer einfach: Eine hochgradige Schwerhörigkeit oder vollständige Taubheit fällt relativ schnell auf – entweder bei Routine-Untersuchungen oder durch die Beobachtung der Eltern. Teilweiser Hörverlust dagegen ist schwieriger zu erkennen: „Wenn ein Kind zum Beispiel nur tiefe Frequenzen hören kann, wird es nur Teile von manchen Wörtern hören. ,Haus’ wird dann zu ,hau’ und ,Schuh’ wird zu ,uh’. Das fällt aber vielleicht nicht auf, bis das Kind drei Jahre alt ist, wodurch Sprech- und Sprachentwicklung verzögert werden“, sagt Kaukab Rajput. „Wer glaubt, sein Kind habe ein Hörproblem, sollte so bald wie möglich eine Untersuchung veranlassen. Eine Verzögerung von Hör-, Sprech- und Sprachentwicklung könnte auch die Kommunikationsfähigkeit verzögern und die Bildungschancen beeinträchtigen.“

Cochleaimplantate und tonale Sprachen

Cochleaimplantate (CI) wurden in westlichen Ländern entwickelt, daher erfolgte ein Großteil der Forschung automatisch mit europäischen Sprachen wie Englisch und Deutsch.

In den letzten Jahren jedoch haben CI ihren Weg nach China und in andere nicht-westliche Länder gefunden, wo Sprachen völlig andere Eigenschaften haben. Nehmen wir als Beispiel Chinesisch. Eine der wichtigsten Eigenheiten chinesischer Sprachen, wie der des Mandarin, ist ihre Tonalität: Dasselbe Wort kann völlig verschiedene Bedeutungen haben, je nachdem ob es in gleichbleibender, sinkender oder steigender Tonhöhe ausgesprochen wird. – Eine besondere Herausforderung für Menschen, die lernen, mit Cochleaimplantat zu hören.

CI-Träger profitieren daher von einer Schallverarbeitungstechnologie, die die feinen Nuancen der Sprache so naturnah wie möglich vermittelt. Implantate des Innsbrucker Herstellers MED-EL imitieren den natürlichen Hörprozess weitgehend: Wenn Schall das Ohr erreicht, wird die gesamte Cochlea stimuliert. Die Cochlea, auch „Hörschnecke“, ist jener Teil des Innenohrs, der Schallinformation an den Hörnerv weiterleitet. Natürlicherweise kommt jeder Ton in einer spezifischen Region der Cochlea an, und das mit einer spezifischen Frequenz.

Wichtig ist: Beim natürlichen Hören wird die Cochlea als Ganzes stimuliert, kein Teil bleibt ausgespart. Daher lassen sich Tonhöhen mit einem CI umso besser verarbeiten, „je größer der durch Elektroden abgedeckte Bereich der Cochlea ist. Je mehr von der Cochlea erfasst ist, desto mehr Frequenzen können übertragen werden“, erklärt Peter Nopp, Director of Technical Research bei MED-EL.

In Sachen (Re-)Habilitation macht auch hier Übung den Meister. Ingrid Steyns, Sprech- und Sprachpathologin bei MED-EL, erklärt: „Kinder, die CI verwenden, um tonale Sprachen zu lernen, müssen sich mehr darauf konzentrieren, diese einzigartigen Töne zu unterscheiden und zu reproduzieren, als zum Beispiel ihre europä-ischen Altersgenossen. Da tonale Laute eine veränderte Bedeutung mit sich bringen, ist es für eine erfolgreiche Kommunikation unerläss- lich, diese korrekt zu erkennen und anzuwenden.“

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