Bericht

Wie klingt Musik mit Cochlea-Implantat? Technologie und Wissenschaft eröffnen neue Musik-Welten für Menschen mit CI

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Mai 2020
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 5 Minuten

Es ist möglich, mit Cochlea-Implantat die zweite Geige im Orchester gut zu hören. Was es dazu braucht, sind drei Dinge: Übung, Übung und Übung. Damit gelingt es, Musik zu genießen. Und auf das Genießen kommt es an.

Vom Blechsound zum Musikstudium

Am Anfang klang alles blechern, roboterartig, wie durch ein altes Transistorradio. Ich konnte überhaupt keinen Klang wahrnehmen”, erzählt Johanna Boyer. Vor wenigen Jahren ertaubte sie auf dem rechten Ohr völlig und trägt heute auf dieser Seite ein Implantat. Weil sie noch ein gesundes Ohr hat, kann sie sehr gut zwischen Implantat und natürlichem Gehör vergleichen. „Es war natürlich ein tolles Gefühl, auch auf dem tauben Ohr überhaupt wieder hören und Sprache verstehen zu können. Aber ich hatte anfangs Schwierigkeiten, eine männliche von einer weiblichen Stimme zu unterscheiden.”

Doch das Gehirn lernt. Weil ihr gesundes Ohr weiterhin die natürlichen Klänge wahrnahm, konnte ihr Gehirn relativ rasch die Signale des Implantats wie naturnahe Schallinformationen entschlüsseln. Und je mehr sich Johanna mit Melodien und Klängen auseinandersetzte, desto besser konnte sie Musik wieder wahrnehmen und auch ihr Musikstudium problemlos abschließen. Inklusive Klavier- und Gesangsprüfung.

Manchmal testet sie, wie sehr sich das Hören über das Implantat verändert hat, und schließt es direkt an einen MP3-Player an. So ist ihr gesundes Ohr definitiv ausgeschaltet. „Die Wahrnehmung hat sich über die Jahre unglaublich verbessert. Ich kann jetzt auch mit dem Implantat allein alles an Musik verstehen. Vor allem, wenn ich das Stück bereits kenne. Der Klang über das Implantat ist nicht zu hundert Prozent normal. Aber ich höre Klang, und vor allem in stereo!” – Eine wichtige Voraussetzung für den Musikgenuss.

Das Hören üben, nach der CI-Implantation

„Musik hat viel mehr Frequenzen, die gleichzeitig verarbeitet werden müssen, als Sprache. Wenn aber Patienten sich auf den Weg des Übens begeben, dann gelingt es ihnen auch, Musik zu verstehen”, weiß Thomas Lenarz, Direktor der HNO-Klinik und des Deutschen Hörzentrums (DHZ) der Medizinischen Hochschule Hannover. Hier werden jährlich rund 600 Patienten mit einem Hörimplantat versorgt und auch nach der Implantation weiterhin durch Ärzte, Techniker, Pädagogen und Logopäden begleitet.

Auch Unterstützung beim Hören-Üben gehört dazu. „Am besten beginnt man mit ganz einfachen Aufgaben: zum Beispiel ein einzelnes Instrument anhören, später zwei Instrumente zusammen. Dann versucht man, Instrument und Gesang voneinander zu unterscheiden und so weiter”, erklärt Angelika Illg, leitende Pädagogin am DHZ. So kann man sich vom einfachen Kinderlied bis zu komplexer Orchestermusik hocharbeiten.

Musik- und Sprachfrequenzen (Fellbaum, 1994)

Musik und Sprache mit CI hören
Vor allem die tiefen Töne in der Spitze der Cochlea liefern die für das Musikhören wichtigen Klangdetails.
© MED-EL

Was muss aber das Implantat selbst leisten, damit es Musik überhaupt übertragen kann?

Die hochkomplexe Technologie von Cochlea-Implantaten ersetzt eine mindestens ebenso hochkomplexe Struktur im Ohr: Schall verursacht mechanische Schwingungen, die über Trommelfell und Gehörknöchelchen schließlich in der Hörschnecke, der Cochlea, ankommen. Dieser schneckenförmige Hohlraum ist mit Flüssigkeit gefüllt, seine Innenseite mit winzigen Härchen bedeckt. Sobald sie sich bewegen, senden sie elektrische Impulse durch die Wand der Cochlea an den Hörnerv. Ob ein Ton als hoch oder tief wahrgenommen wird, hängt davon ab, an welcher Stelle der Cochlea sich die Härchen bewegen und wie schnell diese Bewegung ausfällt.

Das Implantat überspringt den gesamten mechanischen Teil des Hörvorgangs und kommuniziert direkt mit dem Hörnerv. Es wandelt die eintreffenden Schallwellen in elektrische Impulse um und sendet sie an einen feinen Elektrodenstrang im Inneren der Hörschnecke. Diese Elektroden verursachen dort – je nach Tonhöhe – an unterschiedlichen Stellen elektrische Reize, die über den Hörnerv an das Gehirn geschickt werden.

Wie macht das Implantat Musik?

Es ist also schon ein halbes Wunder, dass ein Implantat Sprache so übersetzt, dass der Träger sie nicht nur hört, sondern auch versteht – und am besten auch noch den Tonfall des Gesprächspartners ausmachen kann. Von hier ist es dann noch einmal ein großer Schritt zur Königsdisziplin der Implantats-Technologie: zur Musik.

Sie soll für Implantatträger nicht nur hörbar sein, sondern vor allem zu einem genussvollen Erlebnis werden. Dazu muss das Implantat viele unterschiedliche Informationen gleichzeitig verarbeiten können: Rhythmus, unterschiedliche Lautstärken, Klangfarben und Tonhöhen.

Die wohl größte Herausforderung ist die Wiedergabe der Tonhöhe. Auf welche Schwierigkeiten die Technik dabei stößt, erklärt Uwe Baumann, Leiter der Abteilung Audiologische Akustik am Universitätsklinikum Frankfurt: „Das Grundproblem ist, dass ein elektrischer Reiz in der Hörschnecke nie punktgenau abgegeben werden kann. Er trifft einen großen Bereich an Nervenfasern. Dadurch sind die Tonhöhen nicht so deutlich unterscheidbar wie beim natürlichen Gehör.” Melodien lassen sich daher auch nicht so selbstverständlich erkennen. „Man muss konzentriert zuhören und Melodiespuren erfassen. Zusätzlich kann der Audiologe auch an der Einstellung der Prozessoren drehen und die Unterscheidbarkeit zweier konkreter Töne verbessern.”

Die einzelnen Hersteller arbeiten mit unterschiedlichen Strategien daran, Tonhöhen besser wiederzugeben. Die Aufgabe ist deshalb so komplex, weil unser Gehirn einen Ton über zwei gleichzeitig auftretende Merkmale definiert: Bei jedem Ton ändern sich einerseits die Frequenz – also die Pulse, die pro Sekunde in der Schnecke produziert werden – und der Ort, an dem diese Pulse eintreffen. „Implantate, die an beiden dieser Schrauben drehen, haben die größte Aussicht, das Tonhöhen-Hören zu optimieren”, sagt der Hörakustiker Baumann.

Wie klingt Musik durch ein Hörimplantat?

Mit einem CI Musik zu hören, ist anspruchsvoller, als Sprache zu verstehen. Musik mit einem Cochlea-Implantat (wieder) richtig genießen zu können, ist die Königsklasse des Hörens. Musik durch ein CI zu hören empfindet jede Person anders. Das liegt daran, dass es unterschiedliche Arten von Hörverlust und Empfindungen gibt. Das Gehirn muss sich an musikalische Stimuli gewöhnen und benötigt Zeit, um diese (wieder) richtig zu verarbeiten. Im Rahmen einer Studie zum Thema „Musikgenuss“ gaben mehr als 90% der teilnehmenden MED-EL Nutzer an, Musik mit Ihrem CI als angenehm wahrzunehmen.

Ein Ton kommt selten allein

Auch die Klangfarbe ist schwierig mit einem Implantat wiederzugeben. Denn sie kommt durch eine Vielzahl an gleichzeitig erklingenden Obertönen zustande. Vor allem die tiefen Töne in der Spitze der Cochlea liefern die für das Musikhören wichtigen Klangdetails. Werden sie nicht berücksichtigt, wird der Ton blass oder gar blechern, Unterschiede zwischen verschiedenen Musikinstrumenten und Singstimmen lassen sich kaum ausmachen.

Die ständige Weiterentwicklung der Technologie hat das Hörerlebnis für Implantatträger über die letzten Jahrzehnte außerordentlich verbessert. Eine exakt naturgetreue Abbildung von Musik ist bis heute aber noch nicht möglich. Dennoch haben viele Implantatträger wahrhafte Freude am Musikhören. „Das Ziel ist, Musik zu genießen,” meint Johanna Boyer.

Und das ist ihr jedenfalls auch mit Implantat eindeutig gelungen.

Noten

Musikgenuss mit Implantat

Implantate können das Leben schwerhöriger Menschen deutlich verbessern. Auch Musik lässt sich mit der richtigen Technik gut wahrnehmen. MED-EL ist weltweit führend in Sachen Musikhören via Implantat.

Mehr erfahren
Schließen

Mehr aus der Sammlung Musik

Artikel

Videos

Externer Inhalt

Verwandte Sammlungen

Mehr aus der Sammlung

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.