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Wie man echte innere Ruhe findet Runter vom Gas und lernen zu entspannen

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Juli 2019
In der Sammlung Achtsamkeit
Lesedauer: 4 Minuten

Arbeit ist wichtig, Entspannung auch. Aber nicht jede Freizeitbeschäftigung hilft dabei, Stress abzubauen. Und sogar das Nichtstun will gelernt sein. Achtsamkeit hilft.

Aktion und Ruhe

Wir sind für beides gemacht. Unter großer Belastung kann unser Nervensystem Höchstleistungen vollbringen. Im Notfall werden so viele Hormone ausgeschüttet, dass eine Mutter sogar ein Auto heben kann, um ihr darunterliegendes Kind zu retten. Derselbe Mechanismus lässt die Gabel-Antilope ganze fünf Kilometer mit einer Geschwindigkeit von über 70 Stundenkilometern zurücklegen, wenn ein Puma hinter ihr her ist. – Aber nur dann. Zwischen den Verfolgungsjagden regeneriert sie sich bei stundenlangem Grasen.

Unser Leben gleicht einer ständigen Verfolgungsjagd

Obwohl auch der menschliche Körper für den Wechsel zwischen Anstrengung und Entspannung, zwischen Sympathikus und Parasympathikus, perfekt ausgestattet ist, gestaltet sich unser Leben immer mehr wie ein durchgängiger Galopp. Zeit für beschauliches Grasen bleibt uns kaum noch. Ursache ist weniger die körperliche Anstrengung, sondern vielmehr der Leistungsdruck, der uns in beinahe allen Lebenslagen begleitet.

„In uns arbeitet meistens der Sympathikus, wodurch Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet werden“, erklärt Patrizia Collard, Psychologin und Psychotherapeutin in London und Wien und Lehrbeauftragte an der University of East London. Der Puls steigt an und das Herz pumpt schneller, um die Muskulatur besser zu durchbluten, die Bronchien weiten sich. Weniger dringende Funktionen, wie zum Beispiel Verdauung und Immunabwehr, werden heruntergefahren. Der Körper ist auf Kampf oder Flucht vorbereitet.

"Achtsamkeit kann helfen, immer wieder innezuhalten, um mich an mich selbst zu erinnern."

Michael Harrer, Psychiater und Psychotherapeut

„Das passiert immer dann, wenn wir etwas machen, was unser System als Überanstrengung empfindet. Also überall, wo Leistungsdruck entsteht. Sogar die Yogastunde kann zum Stress werden, wenn ich mich dabei mit den anderen Teilnehmern vergleiche, wer länger im Lotussitz aushält“, warnt Patrizia Collard. Dasselbe gilt für das Tennismatch oder die Bergtour, wenn nichts Anderes zählt als die persönliche Bestmarke.

In der Natur werden die Stresshormone automatisch und rasch abgebaut: durch zeitnahen Kampf oder Flucht – Reaktionen, die in unserem Alltag nur selten adäquat sind. Daher müssen wir uns bewusst Zeit für Sport ohne Druck und für Pausen nehmen, um Erschöpfung zu vermeiden.

Überraschende Stressfaktoren

Dabei ist sogar das Nichtstun keine Garantie dafür, dass sich Erholung einstellt. Es kommt nämlich darauf an, wie dieses Nichtstun aussieht. „Wenn man dabei träge und gleichgültig wird, kann das sogar zur Depression werden“, sagt Patrizia Collard. Besonders aber das Berieseln-Lassen durch Fernsehen oder Computer sei alles andere als entspannend: „Dabei ist das Gehirn ständig hyperaktiv. Und wir sind ohnehin total überanimiert.“ Den eigenen Medienkonsum sollte man auch aus einem weiteren Grund überdenken: Forscher der Universität Mainz haben nachgewiesen, dass bei übermäßigem Konsum von Videospielen und Fernsehen besonders in bereits gestressten Menschen Schuldgefühle entstehen, weil sie ihre Zeit nicht besser genutzt haben. Und Schuldgefühle machen Erholung unmöglich.

Die freie Zeit wirklich für Entspannung zu nützen, kann für Stressgeplagte also zur Gratwanderung werden: Bewegung wirkt ausgleichend – unter Leistungsdruck allerdings nicht. Nichtstun kann entschleunigen – aber nur, wenn dabei auch der Kopf Pause machen darf.

Ständige Berieselung macht Stress

Bei der Achtsamkeit geht es um das Leben im Hier und Jetzt und um die volle Aufmerksamkeit auf das, was man gerade macht. Sei es einen Kaffee trinken oder mit einem Freund zu plaudern. Dies bewusst zu machen kann helfen, Stress zu reduzieren.

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Den Gedankenlärm abschalten

Ein wichtiger Schlüssel in der Stressvermeidung ist die Achtsamkeit. Nicht umsonst spielen achtsamkeitsbasierte Therapiemethoden längst eine wesentliche Rolle in der Burnout-Prophylaxe. „Achtsamkeit ist die beabsichtigte Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Gegenwart, das heißt auf den aktuellen Moment, auf die gegenwärtige Erfahrung“, erklärt Michael Harrer, Psychiater und Psychotherapeut in Innsbruck, Österreich. Klingt ganz einfach, ist es aber nicht. Wer es einmal versucht und dabei seinen unaufhörlichen Gedankenlärm bemerkt hat, weiß das auch. Genau diese Gedanken aber sind es, die uns daran hindern, wirkliche Ruhe zu erfahren. Eben auch dann, wenn wir einfach einmal nichts tun.

Den eigenen Gedankenlärm abzustellen und ganz in den gegenwärtigen Moment zu kommen, kann man aber zum Glück lernen. „Dafür gibt es zwei Möglichkeiten“, so Patrizia Collard, die sich seit über 15 Jahren dem Achtsamkeitstraining widmet: „Einmal über die Meditation. Dabei nimmt man sich fünf Minuten oder auch eine halbe Stunde Zeit, um einfach nur den eigenen Atem zu verfolgen. Oder um nur die Geräusche zu hören, die mich gerade umgeben.“

Die zweite Möglichkeit, Achtsamkeit zu üben, funktioniert ganz einfach im Alltag: „Ich kann jede Tätigkeit bewusst achtsam ausführen. Achtsam eine Tasse Kaffee trinken, mich achtsam anziehen oder achtsam ein Eis essen“, sagt Patrizia Collard. Wichtig ist es, die volle Aufmerksamkeit auf genau eine Sache zu richten. Daneben mal schnell die E-Mails abrufen oder Nachrichten hören? – Definitiv nein!

Achtsames Sein

Wer Achtsamkeit trainiert, kann sie zur allgemeinen Lebenseinstellung machen. „Achtsamkeit kann helfen, immer wieder innezuhalten, um mich an mich selbst zu erinnern,“ beschreibt Michael Harrer die fühlbare Wirkung eines konsequenten Trainings. „Ich kann durch kurzes Zu-mir-Kommen immer wieder ein Stück herunterfahren.“ Und wie fühlt sich achtsames Nichtstun an? „Das Nicht-Tun in der Achtsamkeit wird als ein Modus des Seins im Gegensatz zum Tun beschrieben. Im achtsamen Sein bin ich in freundlichem, nicht bewertendem Kontakt mit mir selbst und der Umwelt. Ich will nichts verändern, der Augenblick ist gut so, wie er ist.“ Sein anstatt tun, wahrnehmen ohne bewerten, alles ist richtig, wie es ist... Die Antilope macht’s uns vor.

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