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Wie wir die Schallmauer durchbrechen Unsere emotionale Reaktion auf Klänge und Geräusche

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: April 2020
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 7 Minuten

Vor weniger als hundert Jahren glaubte man noch, dass die „Schallmauer“ eine greifbare Mauer sei – und dass ein Flugzeug schneller als Schall physisch durch diese hindurchfliegen müsse, um sie zu durchbrechen. Erst als Pilot Chuck Yeager, der am 13. Februar 2020 stolze 97 Jahre alt wurde, im Oktober 1947 diese Geschwindigkeit überschreiten konnte, wurde dieses Phänomen genauer vertanden: Ein Durchbruch der Schallmauer, verursacht durch den Luftwiderstand und den explosiven Lärm, der dadurch entsteht.

Emotionale Durchbrüche

Nur wenige von uns werden je die Erfahrung machen, selbst mit einem Flugzeug zu fliegen – und noch viel weniger davon mit solch einer Geschwindigkeit. Trotzdem ist die Schallmauer etwas, dem wir alle tagtäglich begegnen. Sie kann viele Formen annehmen – jedoch mit Auswirkungen auf viele andere Ebenen.

Geräusche, trotz ihrer scheinbaren Abhängigkeit von unserem Gehör um wortwörtlich „gehört zu werden“, durchbrechen Mauern jeglicher Art. Unsere emotionale Reaktion auf Geräusche und Klänge spielt dabei eine entscheidende Rolle. Beobachtungen an Komapatienten haben gezeigt, dass diese auf die Stimmen von Familienmitgliedern und nahestehenden Personen reagieren. Menschen, die von Demenz oder ähnlichen Krankheiten, die Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen haben, betroffen sind, haben zum Teil ebenfalls auf vielgeliebte Klänge reagiert: die Melodie eines Kinderliedes, das ihnen einst vorgesungen wurde, oder der Song, der beim ersten Kuss im Hintergrund lief.

Klänge sind nicht zwingend ein “Heilmittel”, jedoch oft ein Durchbruch in bestimmter Weise: Betroffene zeigen Anzeichen des (Wieder-)Erkennens und bauen (wieder) eine Verbindung zu ihren ihren Geliebten auf. Sogar Geräusche, die in erster Hinsicht nicht emotionsgeladen erscheinen, können tatsächlich viel Bedeutung tragen: Das Pfeifen des Wasserkochers, zum Beispiel, mag kein besonders herzberührendes Geräusch sein, jedoch könnte es Bilder des Alltags, des Komforts und der Vertrautheit hervorrufen. Bilder, die eine psychologische Bedeutung haben und über das schlichte Trinken einer Tasse Tee hinausgehen.

Eine Welt ohne Mauern

Es gibt Mauern, die kein Hindernis für Geräusche darstellen: Die Wand zur Nachbarswohnung, durch die sich der Lärm der Party von nebenan schleicht, zum Beispiel. Aber auch immaterielle Mauern können überwunden werden. Kulturelle Barrieren, die, zum Beispiel, durch den Jubel – und manchmal auch das Gejohle – bei einem Fußballspiel explosionsartig niedergerissen werden. In den Rängen sitzt ein bunt gemischtes Publikum jeglicher Herkunft und Kultur, das dennoch die Klänge der Begeisterung oder Verzweiflung versteht.

Dasselbe könnte man sagen gilt auch für die globale Bekanntheit von Sägerinnen und Sängern. Gerade jetzt, wo Social Media, Spotify und anderen Streaming-Dienste das Downloaden von Musik, unabhängig vom Herkunftsland, für alle ermöglichen.

Liedtexte sind dabei oft sehr komplex. Von anderssprachigen Hörerinnen und Hörern kann aufgrund der Komplexität nicht immer erwartet werden, dass die Texte komplett verstanden werden. Dennoch schaffen es Love-Songs, Party-Hymnen und Schlager-Hits immer wieder, nicht nur sprachliche, sondern auch hörbare Barrieren zu überwinden.

Eine universelle Sprache

Warum “sprechen” manche Töne, Klänge und Geräusche Menschen an, unabhängig von ihrer Fähigkeit eine Sprache zu verstehen, oder gar, gut zu hören?

Für Menschen mit Hörverlust bleibt meist der vibrierende Aspekt der Musik erhalten. Menschen mit hochgradiger Schwerhörigkeit können in bestimmten Fällen Musik genießen und setzen sich sogar für größeren Zugang zu Live-Konzerten ein. Sogar Zuhause kann Musik aus Lautsprechern, mit Bass und anderen Vibrationen, Reaktionen hervorrufen und Freude bringen. Das Hören mag zwar einer der fünf Sinne sein, aber Musik – mitsamt Klang, Ton und Geräusch – ist eine Sensation für sich selbst.

„Musik ist die universelle Sprache der Menschheit.“

Henry Wadsworth Longfellow, amerikanischer Dichter, 1835

Eine Harvard Studie zeigt, dass Clips mit einer Dauer von nur 14 Sekunden ausreichen, um den Zuhörerinnen und Zuhörern einen Einblick in die Bedeutung eines Songs zu geben. Der kürzeste Ausschnitt aus einem Song reicht, um zu erkennen, ob es sich um ein Gute-Nacht-Lied, ein Lied, zu dem man tanzt oder ein Liebeslied handelt. Die Fähigkeit, Bedeutung zu erkennen, bestand trotz unterschiedlicher Hintergründe: Die 750 Teilnehmer an dieser speziellen Studie stammten aus 60 Ländern, und die Lieder wurden aus 90 kleinen Gesellschaften rund um den Globus gesammelt. Dies zeigt, dass Musik nicht nur tief in der menschlichen Natur verwurzelt ist, sondern dass bestimmte Songs kulturelle Barrieren überschreiten können.

Das Hören und die Bedeutung

So wie die Emotion das Werkzeug ist, das eine Mauer durchdringt und zum Zerbröckeln bringt, so ist es auch meist die menschliche Erfahrung, die diese Mauer erst erbaut. Wie genau das passiert? Wie wir hören und tatsächlich zuhören sind zwei unterschiedliche, aber eng miteinander verbundene Vorgänge. Unsere Emotionen lassen uns oft Mauern erbauen zwischen dem was wir hören und der Art, wie wir hören – und wie wir es verarbeiten. Die Gefühle von Langeweile, Abneigung und Vorurteil zum Beispiel erzeugen Barrieren, die die Auswirkung von Gesagtem und Gehörtem verändern. Umgekehrt können die Gefühle der Liebe, der Akzeptanz und des Interesses – welche Einladung und Offenheit implizieren – diese Barrieren auch überwinden. Gelegentlich können diese vermeintlich positiven Gefühle dennoch eine Art Barriere schaffen, indem sie die Wahrnehmung verändern und das Wesen dessen, was eigentlich vermittelt werden soll, verzerren.

Der Ausdruck “Menschen hören nur was sie wirklich hören wollen“ bezieht sich auf dieses Phänomen: Unterschiedlichste Gefühle, ob positiv oder negativ, können dazu beitragen, dass eine Nachricht anders „gehört“ wird, als eigentlich übermittelt.

Unser eigener Verstand und die Geschwindigkeit, mit der er arbeitet – oder vielmehr unser Gehirn – kann mitunter auch zum Erbau einer „Schallmauer“ führen. Schätzungen zufolge kann das menschliche Gehirn „innere Gespräche“ mit einer Rate von 4000 Wörtern pro Minute – was etwa zehnmal schneller ist als bei gesprochener Sprache – verarbeiten. Auf diese Weise, so glaubt man, können die Gedanken einer Zuhörerin, eines Zuhörers der Botschaft der Sprecherin, des Sprechers oft weit vorauseilen. Oft werden so voreilig Antworten formuliert, Inhalte kritisch bewertet und Annahmen über Endpunkte und Ergebnisse getroffen.

Barrieren überwinden

Natürlich spielen auch physische, nicht nur emotionale Faktoren, eine große Rolle. Denken Sie zum Beispiel daran, wie schwer es ist einem Gespräch in einer geräuschvollen Umgebung zu folgen, oder wenn die Fernseher- oder Radiolautstärke auf ein Maximum aufgedreht ist. Für Menschen mit gutem Gehör könnte eine solche Situation mit Stress, Angst und Verwirrung beladen sein. Für Menschen mit beeinträchtigtem Hörvermögen jedoch können solche “Schallmauern” all dies und noch viel mehr sein: undurchdringlich und alles übertönend.

Wie durchbricht man die Schallmauer in solchen Situationen?

Wie bereits erwähnt können Vibrationen ihren Teil dazu beitragen. Dennoch gehen die zusätzlichen - und subtilen - Nuancen von Sprache, Syntax und Tonfall unweigerlich verloren.

Hörgeräte können Geräusche und Töne zwar verstärken, aber das macht diese nicht zwingend besser verständlich. Bei einigen Anwenderinnen und Anwendern führt die Verstärkung zu „Unschärfe“ und Knistern, was letztlich belastender oder beunruhigender sein kann, als gar nicht hören zu können. Stellen Sie sich vor, sie würden etwas durch eine Linse betrachten, das durch diese zwar vergrößert aber nicht scharf dargestellt wird. Sie könnten zwar sehen, aber sie könnten nicht erkennen, was sie sehen.

Wenn sich eine Hörbeeinträchtigung auf die Lautstärke beschränkt, können Hörgeräte eine Zeit lang Abhilfe verschaffen. Wenn Hörgeräte jedoch nicht mehr helfen, kann ein Hörimplantat die Lösung sein.

Im Jahr 1957, nur zehn Jahre nachdem Chuck Yeager die Schallmauer durchbrochen hatte, wurde ein potentieller Durchbruch der „irdischen“ Schallmauer geschafft: Das erste Cochlea-Implantat wurde erfunden. Seit der ersten erfolgreichen Implantation des ersten mehrkanaligen Cochlea-Implantates im Jahre 1977 durch HNO-Chirurgen Dr. Kurt Burian am Wiener AKH, hilft diese Erfindung von Ingeborg Hochmair-Desoyer und ihrem Team dabei das Hörvermögen bei bestimmten Arten von Hörverlust widerherzustellen. Im Gegensatz zu Hörgeräten, die Geräusche lauter machen, stimulieren Cochlea-Implantate den Hörnerv mittels elektrischer Impulse und umgehen somit de nichtfunktionierenden Teil des Gehörs. Studien beweisen, dass implantierte Personen ganze Sätze – nicht nur Geräusche und implizierte Bedeutung, sondern tatsächliche Wortwahl und Gemeintes – um ein Vielfaches besser verstehen können als zuvor mit Hörgerät.

Für eine von Hörverlust betroffene Person kann die Schallmauer viele Formen annehmen, sei es emotional, physisch oder eine Mischung aus beidem - aber die Technologien, die es gibt, um diese Schallmauer zu durchbrechen, können so bedeutsam sein, wie sie sich diejenigen vorgestellt haben, die sie sich einst als eine solide Mauer vorstellten.

CI

Pionierarbeit aus Leidenschaft

Ein Artikel, der von den ersten Experimenten bis hin zur erfolgreichen CI-Implantation erzählt, mit immer weiter entwickelter Technlogie.

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