Bericht

Zeitsprung

Reisen durch die Zeit rücken in den Bereich des Möglichen. Aber sollten wir das wirklich wollen?

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 04.01.2018

Reisen durch die Zeit rücken in den Bereich des Möglichen. Aber sollten wir das wirklich wollen?

Thomas Röbke von Thomas Röbke
In der Sammlung Zeit
Lesedauer: 3 Minuten

Das Attentat auf Kaiserin Sissi verhindern? Apple-Aktien kaufen, als sie fast wertlos waren? Die Menschen in Südostasien rechtzeitig vor dem verheerenden Tsunami 2004 warnen? Hitler töten, bevor er an die Macht kommt?

Die To-do-Liste für Reisen in die Vergangenheit ist ebenso faszinierend wie endlos. Und die Folgen eines jeden Eingriffs unabsehbar. Die sich aus dem Thema „Reisen in die Vergangenheit“ entspinnenden Gedankenspiele und Paradoxien machen jeden in kürzester Zeit schwindlig: Vielleicht hätten sich die Eltern oder Großeltern des Zeitreisenden – und potenziellen Hitler-Mörders – ohne die aus dem Zweiten Weltkrieg resultierende Flucht und Vertreibung nie kennengelernt. Er wäre also nie geboren worden und hätte folglich nie die Zeitreise antreten können. Dann hätte seiner Geburt jedoch nichts im Wege gestanden und er hätte die Reise doch machen können … Zeitreisen in die Vergangenheit sind also mit Vorsicht zu genießen.

Geschwindigkeit ist die Zukunft

Ein Trip in die Zukunft hingegen ist längst selbstverständlich. Allerdings auf einem äußerst bescheidenen Niveau. Rekordhalter ist der Kosmonaut Sergei Krikaljow, der insgesamt 803 Tage an Bord der Raumstation „Mir“ mit 27.000 Stundenkilometern die Erde umkreiste. Als Nebeneffekt ist er eine 48stel Sekunde weniger gealtert als seine Mitmenschen. Anders ausgedrückt: Er ist aus Sicht aller Erdlinge eine 48stel Sekunde in die Zukunft gereist. Denn seit Einstein weiß die Menschheit, dass die Zeit für ruhende Objekte schneller vergeht als für solche, die relativ zu ihnen in Bewegung sind.

So richtig zum Tragen kommt das Phänomen erst bei größeren Geschwindigkeiten und längeren Reisen. Etwa wenn es eines Tages mit 99,995 prozentiger Lichtgeschwindigkeit – das Erreichen von 100 Prozent erscheint derzeit als völlig unmöglich – zum 520 Lichtjahre entfernten Stern Beteigeuze gehen sollte. Während für den Reisenden gerade mal zehn Jahre vergehen würden, wären auf der Erde mehr als 1.000 Jahre verflossen. Wer weiß, ob sich dann noch jemand für seinen Reisebericht interessiert.

Die Zeit ist ein Gummischlauch

Doch womöglich gibt es eine Abkürzung: Um die zu verstehen, sollte man sich die Zeit als Gummischlauch vorstellen. Der kann einfach so auf dem Boden liegen und ganz gerade vor sich hin verlaufen. Oder man übt ein wenig Kraft aus, krümmt ihn zu einem Kreis – und plötzlich stoßen Anfang und Ende aufeinander. Übertragen auf die Zeit bedeutet das: Gegenwart und Zukunft.

Plötzlich trennt nur noch eine winzige Lücke die beiden Zeitebenen. Das ist, vereinfacht ausgedrückt, das Zeitreisemodell des US-Physikers Ronald Mallett (siehe Interview). Er sagt: „Ein Mensch, der in so einem Zeitring herumliefe, käme an seinem Ausgangspunkt zum gleichen Zeitpunkt an, an dem er gestartet ist.“

Der Logiker Kurt Gödel hatte schon 1949 die Theorie aufgestellt, dass sich die Raumzeit so verzerren und verwirbeln lässt, dass sich ein Objekt darin nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit bewegen kann – bis zurück zum Ausgangspunkt. Auf seinen „geschlossenen zeitartigen Kurven“ könnte ein Astronaut immer geradeaus fliegen und würde aufgrund der Raumkrümmung am Ende zum Ursprungsort zur Zeit seines Abflugs zurückkehren.

Verbindet man verschiedene Regionen des Raums, so verknüpft man zugleich zwei verschiedene Regionen der Zeit. Auf Basis dieser Theorie sind also Reisen durch die Zeit möglich.

Der Zeittunnel

Und die sagenumwobenen Wurmlöcher, die die verschiedenen Baureihen des Raumschiffs „Enterprise“ schon mehrfach durchquert haben, als Tunnel zwischen verschiedenen Raumzeit-Zeitzonen? Auch sie gehen konform mit der allgemeinen Relativitätstheorie, die besagt: Verbindet man verschiedene Regionen des Raums, so verknüpft man zugleich zwei verschiedene Regionen der Zeit. Für ein Wurmloch braucht es sehr schwere Massen in der Nähe (etwa ein Schwarzes Loch), die Risse in der Raumzeit hervorrufen könnten, durch die Gegenstände fallen und an weit entfernten Stellen wieder auftauchen könnten. Nachgewiesen hat man sie bisher jedoch nicht, sodass Wurmlöcher lediglich ein theoretisches Konstrukt sind, um die Handlung in Science-­Fiction-Geschichten kolossal zu beschleunigen. Noch. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt?

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.